• Über das Themenjahr
  • Partnerschaften im Themenjahr
  • Themen und Projekte
  • Leuchtturmprojekte
  • Forscherporträts
 

Die Zusammenarbeit zwischen jungen WissenschaftlerInnen und Studierenden beider Länder ist ein Instrument der informellen Diplomatie

Nikita V. Marchenkov, Vorsitzender des Koordinierungsrates für Jugendangelegenheiten im Bereich Wissenschaft und Bildung des Rates für Wissenschaft und Bildung des Präsidenten der RF

Die Zusammenarbeit zwischen jungen WissenschaftlerInnen und Studierenden beider Länder ist ein Instrument der informellen Diplomatie

Das Deutsch-Russische Jahr der Hochschulkooperation und Wissenschaft 2019/2020 (kurz Themenjahr) soll der Zusammenarbeit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus beiden Ländern neue Impulse geben und die Kooperation zwischen Hochschulen und Forschungsorganisationen transparenter machen. Welchen Einfluss hatte dies Ihrer Ansicht nach insgesamt auf die Beziehungen zwischen Russland und Deutschland?

Alle bilateralen Beziehungen zwischen Ländern hängen vom Entwicklungsstand der wirtschaftlichen und politischen Zusammenarbeit ab. Eine vertrauenwürdige Kooperation im Bereich der Sicherheit ist ohne Entwicklung kultureller Beziehungen und Zusammenarbeit im wissenschaftlich-technologischen Bereich nicht möglich. All dies gilt uneingeschränkt für die Beziehungen zwischen Russland und Deutschland. Ich glaube, dass die bilateralen Beziehungen unter anderem dank der aktiven Zusammenarbeit der beiden Länder im Bereich der Wissenschaft und Technologie auf einem so hohen Niveau beibehalten werden können.

Unsere Länder setzen gemeinsam viele bedeutsame wissenschaftliche Projekte um. Zum Beispiel ist der in Hamburg (Deutschland) befindliche Europäische Freie-Elektronen-Röntgenlaser (XFEL) eine der modernsten Röntgenstrahlungsquellen und ein hervorragendes Beispiel für eine Großforschungsanlage, die infolge der internationalen Zusammenarbeit unter Beteiligung der Russischen Föderation als Schlüsselpartner hergestellt wurde (Russlands Beitrag zur Umsetzung dieses Projekts beläuft sich auf etwa 30% der Kosten für den Bau des Lasers). Heute sind Durchbrüche in der Wissenschaft ohne Anlagen dieser Klasse nicht möglich, und ihre Errichtung und Betrieb erfordern Bemühungen mehrerer Staaten. Dank derartiger Zusammenarbeit führen unsere und ausländische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, einschließlich der KollegInnen aus Deutschland, gemeinsame Experimente durch, wobei sie bahnbrechende Ergebnisse an vorderster Linie der Wissenschaft erzielen. Es ist wichtig, den intellektuellen Beitrag Russlands zum Bau von Mega-Anlagen im Ausland zu erwähnen: Viele wissenschaftliche Entdeckungen und technologische Entwicklungen, zum Beispiel im Bereich der Elementarteilchenphysik und der Hochenergiephysik, wurden eben von sowjetischen und anschließend russischen Wissenschaftlern gemacht. Russland erhält als Gewinn aus der Teilnahme an solchen ehrgeizigen wissenschaftlichen Initiativen wie XFEL nicht nur Zugang zu einer einzigartigen wissenschaftlichen Infrastruktur. Als gleichberechtigter Projektteilnehmer verfügt unser Land über alle Rechte am geistigen Eigentum, das die Weltgemeinschaft beim Bau dieser Anlagen erworben hat. In diesem Zusammenhang ist es für die Umsetzung derartiger Projekte in Russland überaus wichtig, an der Spitze des technologischen Fortschritts zu stehen.

Die Zusammenarbeit zwischen Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern sowie zwischen Studentinnen und Studenten beider Länder wiederum trägt nicht nur zur Stärkung der formalen Beziehungen bei, sondern dient auch als Instrument der informellen Diplomatie. Persönliche Kontakte zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die gemeinsam Projekte umsetzen, sind heute eine Gewähr für die Stärkung der Beziehungen zwischen den jüngeren Generationen der beiden Länder. Ich bin mir sicher, dies wird auch in Zukunft zur Entwicklung eines bilateralen konstruktiven Dialogs beitragen.


Welchen Aspekten der russisch-deutschen Zusammenarbeit widmet der Koordinierungsrat für Jugendangelegenheiten im Bereich Wissenschaft und Bildung seine Aufmerksamkeit im Rahmen der internationalen Ausrichtung von dessen Tätigkeit?

Die Zusammenarbeit mit Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern der BRD war bereits vor der Verkündung des Themenjahres eine der Hauptrichtungen der internationalen Tätigkeit des Koordinierungsrates für Jugendangelegenheiten im Bereich Wissenschaft und Bildung. Der Koordinierungsrat ist aufgrund seiner Tätigkeit an der Förderung und Einrichtung von Gemeinschaften von Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern auf verschiedenen Ebenen aktiv beteiligt. Ähnliche Formen der Selbstorganisation des wissenschaftlichen Nachwuchses gibt es auch in anderen Ländern. Zum Beispiel gehört der Rat der jungen Wissenschaftler an der Nationalen Akademie der Naturforscher „Leopoldina“ in Deutschland zu unseren alten Freunden.

Mit deren Teilnahme am Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg (SPIEF) veranstalteten wir die Tagung „Die Rolle der Gemeinschaften junger Wissenschaftler bei der Umsetzung internationaler wissenschaftlicher und technologischer Projekte“. Wir verfügen wie unsere Kollegen – Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler aus Deutschland – über umfangreiche Erfahrungen bei der Organisation derartiger Veranstaltungen, und der gegenseitige Erfahrungsaustausch über die Teilnahme an internationalen wissenschaftlich-technologischen Projekten hat sich für beide Seiten als nutzbringend erwiesen. Wir sind zu dem festen Schluss gekommen, dass wir nur durch Zusammenarbeit effektiv auf globale Herausforderungen reagieren können.

Wir haben mehrmals die Durchführung der regionalen Qualifikationsrunden des Falling Walls Lab, des größten internationalen Forums für junge Wissenschaftler, gefördert. In Russland ist die Helmholtz-Gemeinschaft, ebenfalls unser langjähriger Partner, Organisator dieser Veranstaltung. Die Teilnahme am Forum bietet Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern die Möglichkeit, ihre Kräfte in der internationalen Szene zu erproben und sich der internationalen Wissenschaftsgemeinschaft anzuschließen.


Wie sieht das Entwicklungspotenzial der Zusammenarbeit zwischen jungen Wissenschaftlern aus Russland und Deutschland aus? Welche Schwierigkeiten gibt es derzeit und welche Maßnahmen können zur Ausweitung der Zusammenarbeit ergriffen werden?

Das Entwicklungspotenzial der Zusammenarbeit liegt vor allem auf wissenschaftlicher Ebene: Der Erfahrungsaustausch zwischen unseren jungen WissenschaftlerInnen und die Umsetzung gemeinsamer wissenschaftlicher Projekte bergen ein großes Potenzial für die Entwicklung der nationalen Wissenschaft beider Länder. Nicht weniger interessant sind jedoch Fragen der Zusammenarbeit zwischen den Gemeinschaften junger Wissenschaftler aus Russland und Deutschland. Gemeinsam mit dem Rat junger Wissenschaftler der Russischen Akademie der Wissenschaft (SMU RAN) und Kollegen von der Nationalen Akademie der Naturforscher „Leopoldina“ behandelten wir lange die Frage der Etablierung eines russisch-deutschen Rates junger Wissenschaftler, der die Beziehungen zwischen den Ländern stärken und einen wesentlichen Beitrag zur Umsetzung der Russisch-Deutschen Roadmap für die Zusammenarbeit im Bereich Bildung, Wissenschaft, Forschung und Innovation leisten könnte. 

Ich bin der festen Überzeugung, dass die gelungene Umsetzung eines derartigen Projekts trotz der damit verbundenen bürokratischen Nuancen einen starken Impuls für die bilaterale wissenschaftliche Zusammenarbeit darstellt und es uns ermöglicht, die optimalen Verfahren beider Länder zu skalieren.


Hat das Themenjahr die Ziele und Aufgaben des Koordinierungsrates für Jugendangelegenheiten in Wissenschaft und Bildung im Bereich der Nachwuchswissenschaft insgesamt und nicht nur mit Deutschland beeinflusst? Wurden neue Ziele und Aufgaben formuliert? Welche?

Ja, natürlich. Als Gemeinschaft bemühen wir uns, die Herausforderungen, denen wir gegenüberstehen, ständig auf Relevanz zu überprüfen. In der heutigen Realität muss sofort reagiert werden, da sich die internationale Agenda ständig ändert. Wir haben immer versucht, die Zusammenarbeit mit den Ländern der „Wissenschaftlichen Seidenstraße“, europäischen Kollegen und natürlich vor allem mit den GUS-Ländern auszubauen. Wir setzen die erfolgreiche Erfahrung der Zusammenarbeit mit Gemeinschaften junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland auch bei der Kommunikation mit anderen Partnerländern ein, indem wir mit Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern aus China, der Mongolei, europäischen Ländern und Nachbarländern im postsowjetischen Raum kooperieren. Der erste Schritt wurde während unserer Tagung auf dem SPIEF im Jahr 2019, wie bereits oben erwähnt, gesetzt. Jetzt bauen wir im Rahmen unserer internationalen Ausrichtung aktiv Kontakte zu ähnlichen ausländischen Organisationen junger Wissenschaftler auf. Leider setzen wir dies momentan in einem Fernformat um. 

Darüber hinaus veranlasste uns das Themenjahr, die Erfahrungen russischer Kulturhäuser im Ausland (die von der Organisation Rossotrudnitschestwo koordiniert werden) eingehend zu analysieren, und gab Anstöße, ein derartiges Format nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Verbreitung der Errungenschaften Russlands im Bereich der Kultur, sondern möglicherweise auch im Bereich der Wissenschaft zu betrachten.

Die russische Wissenschaft ist ohne Zweifel ein Grund für Nationalstolz, und ich möchte, dass die Ausländer – nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Menschen, die keinerlei Bezug zum wissenschaftlichen Bereich haben –, mehr über unsere wissenschaftlichen Errungenschaften erfahren, da dies auch als Instrument unserer „Soft Power“ auf internationaler Ebene dienen kann.

Eine wichtige Aufgabe bleibt natürlich, die Entwicklung internationaler Kooperationen zu fördern, insbesondere unter den aktuellen Bedingungen, wenn die Globalisierung uns vor Herausforderungen stellt, die nur mit den Anstrengungen eines einzelnen Staates nicht gemeistert werden können.