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Russisch-deutscher Wissenschaftsdialog: Visionen, realisierbare Träume, Mut und Offenheit

Grigory Trubnikov, 1. Vizedirektor des Vereinigten Instituts für Kernforschung, Sonderbeauftragter für Internationale wissenschaftlich-technologische Zusammenarbeit des MON

Russisch-deutscher Wissenschaftsdialog: Visionen, realisierbare Träume, Mut und Offenheit

Das russisch-deutsche Jahr der Hochschulkooperation und Wissenschaft soll der Zusammenarbeit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus beiden Ländern neue Impulse geben sowie das Zusammenwirken zwischen Hochschulen und Forschungsorganisationen transparenter machen. Wie wird dies Ihrer Ansicht nach die Beziehungen zwischen Russland und Deutschland im Bereich Wissenschaft und Bildung beeinflussen?

Ich bin sicher, dass die russisch-deutsche Zusammenarbeit im Bereich der Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen während des Themenjahres für die breite Öffentlichkeit sichtbarer geworden sind. Die vielen hervorragenden Beispiele der Zusammenarbeit geben Impulse für die Weiterentwicklung des bilateralen wissenschaftlich-technologischen Dialogs. Unbedingt möchte ich einige dieser Beispiele nennen. Im Einzelnen haben sich unsere Länder auf eine enge Zusammenarbeit im Bereich der Großforschungsinfrastruktur geeinigt, die unter anderem auf dem Gebiet unseres Landes entwickelt wird.

Am 28. Juni 2019 unterzeichneten das russische Ministerium für Wissenschaft und Hochschulbildung und das deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die „Berliner Absichtserklärung“, in der das gegenseitige Interesse an der Entwicklung der Zusammenarbeit im Rahmen der Großforschungsprojekte „PIK“ und „NICA“ sowie an der Etablierung einer internationalen Organisation zur Verwendung von Neutronen in der Forschung, festgehalten wird.

In diesem Jahr haben das Vereinigte Institut für Kernforschung und das GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung eine Kooperationsvereinbarung über die Zusammenarbeit im Rahmen des Projekts „NICA“ unterzeichnet: deutsche Partner werden zur Instrumentierung und wissenschaftlichen Nutzung der Nuclotron-based Ion Collider fAcility „NICA“ beitragen. Darüber hinaus haben das BMBF und das JINR die Gemeinsame Erklärung über die Zusammenarbeit im Bereich der Grundlagenforschung unterzeichnet.

Ich bin sicher, dass nach diesen „Meilensteinen“ auf dem Weg der bilateralen wissenschaftlich- technologischen Zusammenarbeit im Bereich „Megascience“ noch weitere folgen werden.

Dabei möchte ich darauf hinweisen, dass diese Dokumente - Vereinbarungen, Erklärungen und Verträge - kein Selbstzweck sind. Ein vertraulicher, für beide Seiten interessanter und nützlicher, pragmatischer Dialog zwischen unseren Wissenschafts- und Bildungsgemeinschaften ist wichtig. Was macht diesen Dialog so spannend? Ohne Zweifel sind das die beruflichen und persönlichen Lebensläufe der handelnden Personen. Ich bin der Auffassung, dass solche groß angelegten bilateralen Initiativen wie das Themenjahr vielen Menschen (nicht nur aus Russland und Deutschland) ermöglichen, sich an unserer gemeinsamen Wissenschafts- und Bildungsgeschichte zu beteiligen und so zu Gestaltern unserer gemeinsamen Zukunft werden.


Welche weiteren Schritte sollten beide Länder zur Entwicklung der bilateralen Zusammenarbeit in Bildung und Forschung unternehmen? Was fehlt derzeit und welche Maßnahmen sind am wirksamsten?

Die Zusammenarbeit in Bildung und Forschung zwischen unseren Ländern ist sicherlich eine bunte Leinwand, die aus vielen Fäden gewebt ist. Unsere Universitäten vereinen rund tausend Hochschulpartnerschaften. Deutschland ist einer der wichtigsten Partner Russlands, wenn wir zum Beispiel die Anzahl der gemeinsam geförderten internationalen Forschungsprojekte sehen. Insgesamt wurden seit 2014 im Rahmen des Föderalen Zielprogramms „Forschung und Entwicklung in Schwerpunktbereichen des Wissenschafts- und Technologiekomplexes Russlands für den Zeitraum 2014-2020“ mehr als hundert Forschungsprojekte unter Beteiligung Deutschlands mit dem Gesamtvolumen von über 5 Milliarden Rubel gefördert. 

Der Bildungs- und Forschungsbereich der russisch-deutschen Beziehungen hat es uns traditionell immer ermöglicht, eine Brücke in die gemeinsame Zukunft unserer Länder zu schlagen. Wie auch in anderen Bereichen des Zusammenwirkens werden hier für die produktive Entwicklung völlig menschliche „Dinge“ benötigt, zum Beispiel Vertrauen, gegenseitiger Respekt, gegenseitiges Interesse.

Als langjähriger Mitstreiter im Bereich der internationalen Zusammenarbeit bin ich der Meinung, dass dieser Appell in erster Linie auf die jüngere Generation gerichtet werden sollte. Die heutigen Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten, Doktorandinnen und Doktoranden sowie Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler werden bereits in einigen Jahren unsere Zusammenarbeit bestimmen. Daher scheint es mir, dass das Themenjahr zumindest die Schaffung von Plattformen für direkte Kommunikation dieser Zielgruppe ermöglicht hat. Aus der Kommunikation entsteht Interesse, Vertrauen und im Idealfall gemeinsame Initiativen. Es ist wichtig, dass die jüngeren Generationen in Russland und Deutschland zusammen denken und ihre Zukunft in Form von Dialog, Partnerschaft, gegenseitigem Respekt und gemeinsamer Verantwortung für die Zukunft Europas und der Welt zusammen gestalten. Dieser Dialog sollte beständig sein, also durchaus routinemäßig sein. Dazu ist es zweifellos notwendig, Plattformen zu schaffen und damit Möglichkeiten, die für jüngere Generationen attraktiv und zeitgemäß sind.

Im Rahmen des Themenjahres haben meine Kolleginnen und Kollegen und ich im Dezember 2019 die Veranstaltung des Deutsch-Russischen Forums für Universitätswissenschaften an der Nationalen Forschungsuniversität „MISiS“ in Moskau initiiert. Rund 300 Expertinnen und Experten aus Russland und Deutschland beteiligten sich daran. Dabei erregte das größte Interesse das Treffen junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unseren Ländern. Wir haben die Jugend gefragt: Welche Diskussion ist für Sie von besonderem Interesse? Worüber sind Sie besorgt? Infolgedessen lag der thematische Schwerpunkt der Jugendplattform auf der Bedeutung der Internationalisierung für die berufliche Entwicklung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Eine separate Paneldiskussion wurde den Fragen der Kommerzialisierung der Forschungsergebnisse gewidmet. Darüber hinaus wurde ein russisch-deutscher „Science Slam“ organisiert. Ich glaube, diese drei Elemente sind die möglichen Wege, auf denen wir arbeiten sollten, um die optimalen Bedingungen für die Selbstverwirklichung der wissenschaftlichen Jugend zu schaffen: pragmatische Internationalisierung der Karriere eines jungen Wissenschaftlers, verfügbare Mechanismen für die Kommerzialisierung der Forschungsergebnisse sowie die Popularisierung der Wissenschaft, Wissenschaftskommunikation einschließlich sozialer Verantwortung des Wissenschaftles vor der Gesellschaft, die (zum Beispiel, vom Staat vertreten) in seine Tätigkeiten investiert. In dieser Hinsicht setze ich meine Hoffnungen auf die Initiative der Russischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina zur Schaffung eines „Russisch-Deutschen Koordinierungsrates junger Wissenschaftler und Innovatoren“.

Zusammenfassend möchte ich daher sagen, dass die Unterstützung junger Menschen die effektivste langfristige Investition in eine erfolgreiche Zukunft für den russisch-deutschen Dialog ist.


Hat das Themenjahr die Ziele und Aufgaben Russlands in Fragen der Bildungspartnerschaften und der internationalen Zusammenarbeit im Allgemeinen beeinflusst, und dies nicht nur im deutschrussischen Kontext? Sind neue Ziele und Aufgaben formuliert worden? Was sind diese?

Zunächst möchte ich Folgendes aus meiner Erfahrung zum Ausdruck bringen: die wichtigsten Antriebskomponenten für ein erfolgreiches und produktives Zusammenwirken, Teamarbeit und Schaffen sind Kreativität, Visionen, realisierbare Träume, Mut und Offenheit. Aus meiner Sicht bot das Themenjahr zahlreichen Expertinnen und Experten aus Russland und Deutschland die Gelegenheit, darüber nachzudenken, was wir gemeinsam für die wissenschaftlich- technologische Entwicklung unserer Gesellschaften tun könnten und sollten, damit das Leben in unseren Ländern (aber auch darüber hinaus) komfortabler und glücklicher werden kann.

Dabei möchte ich darauf hinweisen, dass sich ein derart dynamischer wissenschaftlicher Prozess in der modernen Gesellschaft ohne angemessene „Begleitung“ von humanitärem Wissen, Geisteswissenschaften, wie zum Beispiel historischer Erfassung der Vergangenheit und philosophischen Projektionen der Zukunft sich nicht harmonisch entwickeln kann. An den Standorten des Themenjahres fanden viele Diskussionen über unsere gemeinsame Zukunft statt. Neben solchen „modischen“ Themen wie künstliche Intelligenz, Quantentechnologien oder Klimaforschung wurde einstimmig die Notwendigkeit gemeinsamer langfristiger Initiativen im geisteswissenschaftlichen Bereich festgestellt. Um nur einige Beispiele zu nennen - geäußert wurden die Ideen, ein russisch-deutsches Institut für Versöhnungsgeschichte sowie ein internationales Institut für komplexe Kindheitsforschung zu gründen.

Es ist wichtig, das im Rahmen des Themenjahres gewonnene Tempo beizubehalten und es in die nachhaltige Entwicklung von Partnerschaften und vertrauensvollen Beziehungen zwischen unseren Ländern (und dies nicht nur in den Bereichen der Bildung, Wissenschaft und Innovation) umzuwandeln.

Ich möchte auch auf die Tatsache eingehen, dass die Bedeutung der Kommunikation zwischen Vertretern der Wissenschafts- und Bildungsgemeinschaften beider Länder (besonders unter den Pandemie- Bedingungen) sehr stark sichtbar wurde. In dieser Hinsicht ist die dynamische Arbeit des Informationsportals des Themenjahres- einer Plattform, die den intensiven Dialog zwischen Vertretern der universitären und akademischen Kreisen deutlich widerspiegelt, offensichtlich zu einem großen Vorteil geworden. Meines Erachtens, wäre es pragmatisch, diese Ressource auch nach dem Abschluss des Themenjahres im Sinne der „nachhaltigen Entwicklung“ zu nutzen. Daher freue ich mich, dass meine Kolleginnen und Kollegen die Frage der Schaffung eines gemeinsamen Internetportals der russisch-deutschen „Roadmap für die Zusammenarbeit in Bildung, Wissenschaft, Forschung und Innovation“ auf der Basis der Website des Themenjahres in Betracht ziehen. Ich hoffe, alles gelingt.

Vielen Dank für Ihre interessanten Fragen.