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Eine neue Seite der geisteswissenschaftlichen Zusammenarbeit und partnerschaftlichen Freundschaft aufschlagen

Prof. Dr. phil. Jelena Wladimirowna Kudrjaschowa, Rektorin der Nördlichen (Arktischen) Föderalen Lomonossow-Universität

Eine neue Seite der geisteswissenschaftlichen Zusammenarbeit und partnerschaftlichen Freundschaft aufschlagen

An welchen mit dem „Themenjahr“ verbundenen Initiativen hat sich die NAFU beteiligt und welche Ergebnisse hat sie erzielt? Welche Praktiken haben sich als effektivste erwiesen?

Die Nördliche (Arktische) Föderale Lomonossow-Universität (NAFU) kann auf eine erfolgreiche Geschichte und vielfältige Traditionen der Zusammenarbeit mit deutschen Partnern in verschiedenen Bereichen von Bildung und Wissenschaft zurückblicken. Das „Themenjahr“ hat zusätzliche Möglichkeiten für die Erweiterung der wissenschaftlichen Zusammenarbeit eröffnet, unter anderem in Fragen der Entwicklung der Arktisforschung unter Berücksichtigung der deutschen Arktisstrategie und des Status Deutschlands als Beobachterland des Arktischen Rates. Vertreter der NAFU nahmen an einer Reihe von Veranstaltungen teil, auf denen die Umsetzung der Roadmap und der gemeinsamen Projekte besprochen wurden. So fand während des zweiten Treffens der Minister für Wissenschaft und Hochschulbildung der Arktisstaaten im Oktober 2018 in Berlin eine internationale wissenschaftliche Konferenz statt, auf der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Aussichten für die wissenschaftliche und technische Zusammenarbeit in der Arktis erörterten. Der Dialog wurde im September 2019 in Archangelsk am Standort unserer Universität fortgesetzt, wo unter dem Vorsitz des Ministeriums für Wissenschaft und Hochschulbildung Russlands und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung Deutschlands eine Sitzung der deutsch-russischen Arbeitsgruppe für Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Meeres- und Polarforschung stattfand. Das Ergebnis des Treffens unter Teilnahme von mehr als 30 Experten aus Russland und Deutschland war die Analyse der Ergebnisse laufender wissenschaftlicher Projekte, die Planung neuer Wettbewerbe und die Aktualisierung der Vereinbarung über Meeres- und Polarforschung unter Beteiligung der Wissenschafts- und Bildungsgemeinschaften Russlands und Deutschlands. Als Folge der Zusammenarbeitsprojekte fand im Februar 2020 im Rahmen der jährlichen Wintertagungen der Helmholtz-Gemeinschaft eine Expertendiskussion zu Klimawandel und nachhaltiger Entwicklung statt, bei der neue Forschungsprojekte mit deutschen Partnern vorgestellt wurden.

Eine gute Gelegenheit, die Entwicklung der Forschungsaktivitäten der Hochschulen zu besprechen, bot das Deutsch-Russische Forum für universitäre Forschung in Moskau im Dezember 2019. Die NAFU präsentierte bei dieser Veranstaltung ihre Praktiken der wissenschaftlichen Ausbildung, beteiligte sich an der Diskussion über die Rolle der Universitäten und außeruniversitären Forschungsorganisationen in Deutschland und Russland und nahm an der Jugendplattform des Forums und den Projektsitzungen teil. Die Plattform ermöglichte den Erfahrungsaustausch auf der Suche nach den effektivsten Bildungsansätzen und Modellen der wissenschaftlichen Ausbildung für die Zukunftstechnologien unserer Länder.

Hervorzuheben ist die Bedeutung der Initiative 2019 des Auswärtigen Amtes und der Botschaft der BRD in Moskau zu einem Informationsbesuch von Vertretern russischer Hochschulen in Deutschland „Studium und Forschungen in Deutschland – Möglichkeiten für Hochschulpartnerschaften und wissenschaftliche Zusammenarbeit mit Russland“. Dieser Besuch ermöglichte es der NAFU, neue direkte Kontakte mit führenden deutschen Organisationen herzustellen und Vereinbarungen über spezifische Partnerschaftsprojekte für die Mobilität von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Lehrerinnen und Lehrern und den Ausbau der gemeinsamen Programme und Schulen zu erzielen.


Die epidemiologische Situation hat große Veränderungen in den Aktivitäten der Hochschulen bewirkt, auch in Bezug auf die akademische Mobilität. Ist es dennoch gelungen, zumindest einen Teil der akademischen Mobilitätsprogramme mit deutschen Hochschulen im Rahmen des Deutsch-Russischen Jahres der Hochschulkooperation und Wissenschaft  umzusetzen? Was ist in dieser Richtung noch geplant?

Leider hat uns die gegenwärtige epidemiologische Situation nur teilweise erlaubt, akademische Mobilitätsprogramme für Studentinnen und Studenten im Präsenzformat durchzuführen. Einigen Studierenden gelang es, Anfang des Jahres zum Studium nach Deutschland zu reisen und das Frühjahrssemester an der Hochschule Emden/Leer im Studiengang „Wirtschaftsinformatik“ erfolgreich abzuschließen. Ein Teil der Mobilitätsprogramme für Studierende, junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und Lehrkräfte im Rahmen der DAAD- und Erasmus+-Stipendien wurde auf das nächste akademische Jahr verschoben. Aber wie für alle Hochschulen weltweit hat die Pandemiesituation der Entwicklung von Online-Lernformaten und Projektaktivitäten neue Impulse gegeben. Die traditionelle Sommerschule der russischen Sprache und Kultur für ausländische Studentinnen und Studenten fand in der NAFU im Fernformat statt. Das Semestermodul „Erlernen von Russland“ erweckte bei den deutschen Partnern großes Interesse. Gegenwärtig laufen zusammen mit deutschen Lektoren (darunter die Ehrendoktoren der NAFU aus Deutschland) die Vorbereitungen zur herbstlichen internationalen Online-IT-Schule und zum Studentenhackathon zum Thema der End-to-End-Informationstechnologien. Die erste interessante und sehr nützliche Erfahrung war die Ferndurchführung des Wissenschafts- und Bildungsprogramms des NAFU-Expeditionsprojekts „Arktische Schwimmuniversität 2020“. Dank dem Online-Format erhielt das Masterprogramm „Innovative Technologien für den Deutschunterricht“ neue Möglichkeiten zur geografischen Erweiterung des Teilnehmerkreises. Dieses Programm wird in der NAFU seit 2016 nach dem Modell der Netzwerkzusammenarbeit mit dem Deutschen Goethe-Kulturzentrum und drei russischen Universitäten aus Kasan, Nowosibirsk und Omsk durchgeführt


Mit welchen Hochschulen in Deutschland arbeitet die von Ihnen geleitete Universität zusammen? In welchen Bereichen und Projekten? Welche Ergebnisse würden Sie besonders hervorheben?

Die NAFU arbeitet mit deutschen Universitäten in Bereichen wie akademische Mobilitätsprogramme, Entwicklung und Umsetzung von Netzwerkbildungsprogrammen und Wissenschafts- und Bildungsprojekten zusammen. Die wichtigsten Partner der NAFU in der Wissenschafts- und Bildungszusammenarbeit sind die Hochschule Emden/Leer, die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, die Universität Kiel, die Bergakademie Freiberg, die Helmholtz-Gemeinschaft, das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung, der WWF Deutschlands, das Deutsche Goethe-Kulturzentrum und andere.

Ich möchte besonders die Ergebnisse der langfristigen Zusammenarbeit der NAFU mit der Hochschule Emden/Leer hervorheben, die an dem Wettbewerb „Brücken für die deutsch-russische Hochschul- und Wissenschaftszusammenarbeit“ teilgenommen hat, der von den Außenministerien der beiden Länder im Rahmen des „Themenjahres“ von Russland und Deutschland organisiert wurde. Die Grundlage für den Aufbau der Zusammenarbeit zwischen den Universitäten ist der Abschluss einer Vereinbarung über Städtepartnerschaften zwischen Archangelsk und Emden im Jahr 1989, die breite Möglichkeiten für einen direkten Dialog zwischen den Organisationen der beiden Gemeinden und die Entwicklung der zivilen Diplomatie eröffnete. Seit der Unterzeichnung der Vereinbarung im Jahr 1993 wurde das Modell der innovativen Partnerschaft zwischen Partneruniversitäten erfolgreich entwickelt, das als erfolgreiche Ressource für die Entwicklung des intellektuellen Potenzials der Städte und der interkommunalen humanitären Zusammenarbeit dient.

In den Jahren der Partnerschaft wurden Dutzende von Wissenschafts-, Bildungs- und Jugendprojekten in den Bereichen Sozialarbeit und Psychologie, Mathematik und IT, Energiewirtschaft, Business und Linguistik umgesetzt. Es wurde eine breite Palette von Instrumenten für die internationale Zusammenarbeit gesammelt, darunter auch bilaterale Projekte, die Mobilität von Studierenden und Lehrkräften (mehr als 300 Personen), die praktische Ausbildung in Emder Unternehmen, die Vorbereitung von wissenschaftlichen Publikationen und Lehrmitteln, die Durchführung internationaler Veranstaltungen und Bildungsplattformen, Programme zur beruflichen Weiterbildung sowie deutsche und russische Sprachkurse.

Neben den akademischen Projekten wird der Einbeziehung von Studentinnen und Studenten in den humanitären Dialog und in Jugendprojekte große Aufmerksamkeit geschenkt. Ziel des Projekts „Virtuelles Lomonossow-Museum“, das 2006 auf Initiative der Universitäten ins Leben gerufen wurde, ist die Erhaltung und Popularisierung des gemeinsamen kulturellen und historischen Erbes Russlands und Deutschlands, das mit dem Namen M. W. Lomonossow verbunden ist. Informatik- und Linguistikstudenten der beiden Universitäten arbeiten an der Erstellung einer interaktiven elektronischen Ressource, die Informationen über Leben und Tätigkeit des großen Wissenschaftlers in drei Sprachen enthält. Zur Arbeit am Projekt absolvieren die NAFU-Studentinnen und -Studenten Praktika in Museen und Archiven in Emden.

Für die Entwicklung der Zusammenarbeit werden neue Richtungen definiert: Entwicklung alternativer Energiequellen, Transportlogistik, Unternehmensentwicklung, Robotertechnik, Handelsrecht, Durchführung von studentischen Bildungsschulen zu Sozialarbeit und Informationstechnologien, Organisation der internationalen Projektwoche, Forschungsaufenthalte und Austauschprogramme für Lehrkräfte, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Studentinnen und Studenten.


Welche Veranstaltungen im Rahmen des Deutsch-Russischen Jahres der Hochschulkooperation und Wissenschaft 2018/2020 bewerten Sie als die interessantesten und bedeutendsten?

Unter den Veranstaltungen unserer Universität können wir die Deutschlandtage erwähnen, die im Oktober 2019 in Archangelsk mit der Unterstützung der deutschen Botschaft in Moskau und des deutschen Generalkonsulats in St. Petersburg stattgefunden haben. Es war ein sehr eindrucksvolles und bedeutendes Ereignis sowohl für die Partnerorganisationen als auch für die gesamte lokale Gemeinschaft: das 15-jährige Jubiläum der Deutschlandtage, das dem 30. Jahrestag der Städtepartnerschaft zwischen Archangelsk und Emden und dem 25. Jahrestag der Zusammenarbeit zwischen den Partneruniversitäten der Städte gewidmet war. Im Rahmen der Feierlichkeiten wurden die Ergebnisse der langjährigen Zusammenarbeit zwischen den Städten und Organisationen zusammengefasst und eine „neue Seite“ der geisteswissenschaftlichen Zusammenarbeit und partnerschaftlichen Freundschaft aufgeschlagen. An den Feierlichkeiten nahmen Ehrengäste, Beamte, Teilnehmer von Zusammenarbeitsprojekten der beiden Partnerstädte sowie eine große Delegation der Hochschule Emden/Leer teil. Unter den zahlreichen Veranstaltungen ist eine wissenschaftliche Sitzung zu erwähnen, die der Besprechung der Ergebnisse und Perspektiven der Zusammenarbeit zwischen den Universitäten sowie der Unterzeichnung neuer Zusammenarbeitsabkommen und Aktionspläne gewidmet war. Die nächsten Deutschlandtage in Archangelsk, die bereits eine finanzielle Unterstützung der Botschaft der BRD in Moskau erhalten haben, werden sich ebenfalls auf die Popularisierung der Wissenschaft konzentrieren und die Wissenschafts- und Bildungsgemeinschaft und Jugend aus Russland und Deutschland zusammenbringen.


Einen Videofilm des NAFU-Media-Zentrums über die Zusammenarbeit mit der Hochschule Emden/Leer finden Sie unter https://narfu.ru/media/video/?ELEMENT_ID=338769