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Unser Deutsch-Russisches Jahr der Hochschulkooperation und Wissenschaft dauert schon 296 Jahren.

Nikolai M. Kropachev, Rektor der Staatlichen Universität Sankt Petersburg (SpbU)

Unser Deutsch-Russisches Jahr der Hochschulkooperation und Wissenschaft dauert schon 296 Jahren.

Das Deutsch-Russische Jahr der Hochschulkooperation und Wissenschaft 2018/2020 (kurz Themenjahr) soll der Zusammenarbeit zwischen WissenschaftlerInnen beider Länder neue Impulse geben und das Zusammenwirken zwischen Hochschulen und Wissenschaftsorganisationen transparenter machen. An welchen mit dem Themenjahr verbundenen Initiativen hat sich Ihre Universität beteiligt und welche Ergebnisse hat sie erzielt? Welche Praktiken haben sich als effektivste erwiesen?

Für die SPbU begann das Deutsch-Russische Jahr der Hochschulkooperation und Wissenschaft viel früher als offiziell angekündigt und wird nach dessem Ende fortgesetzt. Tatsache ist, dass unsere Zusammenarbeit mit Deutschland vor 296 Jahren begann – von der Gründung der Universität an – und bis heute andauert. Ich möchte darauf hinweisen, dass die SPbU langfristige Partnerschaften nicht nur mit deutschen Hochschulen, sondern auch mit Stipendienfonds und Forschungszentren unterhält.

Eines der wichtigsten Ereignisse, die zur Stärkung der Beziehungen zwischen unseren Ländern beitragen, ist das Forum der Zivilgesellschaften Russlands und Deutschlands „Petersburger Dialog“. Es wurde 2001 auf Initiative des russischen Präsidenten Wladimir Putin und des deutschen Bundeskanzlers Gerhard Schröder etabliert. Es ist mir eine große Ehre, den Posten des stellvertretenden Vorsitzenden des russischen Koordinierungsrates des „Petersburger Dialogs“ zu begleiten.

Die SPbU fungiert traditionell als Expertenplattform des Forums. Universitätsmitarbeiter mit unterschiedlichen Profilen beteiligen sich aktiv an Veranstaltungen und Projekten des „Petersburger Dialogs“, darunter auch an Tagungen der Arbeitsgruppen „Wissenschaft und Bildung“, „Workshop Zukunft“ und „Politik“ und Treffen der Untergruppen Migration Taskforce und Digital Taskforce und der Internationalen Schule für NachwuchshistorikerInnen. Darüber hinaus werden die SPbU-Experten zu den Tagungen aller Arbeitsgruppen des Forums eingeladen.

Selbst die Pandemie konnte das Forum nicht aufhalten: Die Arbeitsgruppen versammeln sich weiterhin im Online-Format. Sie haben bereits die Praktiken der Beteiligung von zivilgesellschaftlichen Strukturen am Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie, den Stand der Medien nach der Pandemie, den Stand der Wirtschaft und Politik in Russland und Deutschland in der heutigen Situation, die epidemiologische Situation in unseren Ländern und andere aktuelle Themen erörtert. Auf Initiative des „Petersburger Dialogs“ wurde auf der Basis der Staatlichen Universität Sankt Petersburg und Universität Bielefeld das Zentrum für Deutschland- und Europastudien (ZDES) eingerichtet. Das ZDES ist eines von zehn Zentren, die vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) unterstützt werden. Mission des Zentrums ist, die Kooperation zwischen WissenschaftlerInnen aus Russland, Deutschland und Europa zu fördern.

Zur Umsetzung zahlreicher gemeinsamer Forschungen mit deutschen Partnern haben die SPbU-WissenschaftlerInnen Forschungsstipendien von der Russian Science Foundation (RSF) und der Russian Foundation for Basic Research (RFBR) erhalten. Seit 2015 veranstaltet die SPbU zusammen mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) einen Wettbewerb für Forschungsprojekte, die von den Forschungsteams der Universität gemeinsam mit Kollegen aus Deutschland durchgeführt werden. Die SPbU wurde zur ersten Universität der Welt, mit der die Stiftung eine direkte Vereinbarung unterzeichnet hat.


Die epidemiologische Situation hat große Veränderungen in den Aktivitäten der Hochschulen bewirkt, auch in Bezug auf die akademische Mobilität. War es dennoch möglich, zumindest einen Teil der akademischen Mobilitätsprogramme mit deutschen Hochschulen im Rahmen des Deutsch-Russischen Jahres der Hochschulkooperation und Wissenschaft 2018/2020 durchzuführen? Was ist als nächstes in dieser Richtung geplant?

Dieses Jahr ist aufgrund der Pandemie zu einem besonderen Ereignis für die ganze Welt geworden. Sicherlich hat COVID-19 die Mobilität von Studierenden und Lehrkräften verändert. Einige von ihnen waren gezwungen, ihre Reise zu verschieben, während andere im Gegenteil ihren Auslandsaufenthalt verlängerten. Die akademische Mobilität wird allerdings mit der Stabilisierung der Situation und Wiederaufnahme des vollwertigen internationalen Flugverkehrs vollständig wiederhergestellt. Das Beste, was jetzt getan werden kann, ist, die Möglichkeiten der Online-Kommunikation effektiv zu nutzen.

Die Pandemie konnte die Statistik der akademischen Mobilität nicht wesentlich beeinträchtigen. Im Studienjahr 2019/20 belief sich die incoming-mobility deutscher Studierender an der Staatlichen Universität St. Petersburg auf 103 Personen. Einen Deutschlandsaufenthalt hatten 108 Studierende der SPbU durchgeführt. Zum Vergleich: Vor einem Jahr waren es jeweils 117 und 151 Personen. Der Rückgang der Mobilität kann also nicht als katastrophal bezeichnet werden. Ich bin zuversichtlich, dass diese Indikatoren nach dem Ende der Pandemie ein schnelles Wachstum aufweisen werden.

Die meisten deutschen Studierenden kommen von der Freien Universität Berlin, Universität Heidelberg und der Europa-Universität Viadrina. Die beliebtesten Bereiche sind Philologie und Linguistik, Management, internationale Beziehungen und Wirtschaft. Für die SPbU-Studierenden sind zu dieser Liste auch Soziologie und Geowissenschaften hinzuzufügen. Sie gehen meistens an die Universität Hamburg, Freie Universität Berlin und Europa-Universität Viadrina. Insgesamt nehmen 34 deutsche Hochschulen gemeinsam mit der Staatlichen Universität Sankt Petersburg an internationalen Mobilitätsprogrammen teil.

Ich möchte darauf hinweisen, dass eines der wichtigsten Projekte, das von der SPbU in Zusammenarbeit mit deutschen Partnern umgesetzt wird, das gemeinsame Programm der SPbU und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) „Dmitri Mendeleev“ ist. Das Stipendienprogramm des DAAD und der SPbU gewährt DoktorandInnen und jungen WissenschaftlerInnen der SPbU Stipendien für wissenschaftliche Forschung an Hochschulen und Forschungszentren in Deutschland. Seit 2012 wurden 148 solcher Stipendien vergeben.

Es ist auch anzumerken, dass sich die Zusammenarbeit zwischen der SPbU und Deutschland nicht auf den akademischen Austausch zwischen Hochschulen beschränkt: Die Formen der Partnerschaft sind vielfältig und in vielen Bereichen vertreten. Die SPbU engagiert sich wie gesagt nicht nur für Partnerschaften mit deutschen Hochschulen, sondern auch mit Stiftungen (DAAD, DFG) und Forschungszentren (Helmholtz Zentrum).


Mit welchen Hochschulen in Deutschland arbeitet die von Ihnen geleitete Universität zusammen? In welchen Bereichen und Projekten? Welche Ergebnisse würden Sie besonders hervorheben?

Die Zusammenarbeit mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Deutschland nimmt unter den internationalen Partnerschaften der SPbU einen besonderen Platz ein, was teilweise auf die lange Geschichte der Kooperation zurückzuführen ist: Die Geschichte der Partnerschaften zwischen der SPbU und einigen deutschen Hochschulen reicht doch mehr als ein Jahrhundert zurück.

Wie bereits erwähnt, begann unsere Zusammenarbeit mit Deutschland im Bereich Wissenschaft und Bildung ab dem Zeitpunkt der Gründung der Akademie der Wissenschaften und der Universität St. Petersburg, die 1724 durch ein Dekret von Peter I. gegründet wurden. Wenn wir auf die Geschichte zurückkommen, werden wir uns daran erinnern, dass sowohl die ersten Professoren als auch die ersten Studierenden unserer Universität aus Deutschland kamen und der Unterricht in den ersten Jahren nach der Gründung auf Deutsch stattfand. Darüber hinaus waren sowohl die ersten Leiter der Universität als auch der erste Wissenschaftler, Gerhard Friedrich Miller, der offiziell das Rektoramt der Universität begleitete, ein Deutscher. Übrigens war er Absolvent der Universität Leipzig, einer der ältesten Universitäten Deutschlands, mit der wir auch heute Partnerschaftsbeziehungen pflegen. Man kann also feststellen, dass unser „Themenjahr“ schon 296 Jahren dauert.

Derzeit hat die SPbU verschiedenartige Vereinbarungen mit 55 Hochschulen und Forschungsorganisationen in Deutschland. Darunter sind die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Universität Hamburg, Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover, Universität Heidelberg, Freie Universität Berlin, Universität Leipzig und viele andere führende deutsche Universitäten mit einer reichen Geschichte. Gemeinsame Projekte kann man lange aufzählen, alle davon sind sehr erfolgreich.

Eine fruchtbare langfristige Zusammenarbeit verbindet Wissenschaftler der SPbU und der Technischen Universität Dresden, die gemeinsam in den Bereichen Mathematik, Physik, Wirtschaft und Management sowie molekulares und zelluläres Bioengineering – translationale Biomedizin – forschen.

Eines der wichtigsten internationalen Wissenschaftsprojekte, an denen wir beteiligt sind, ist das russisch-deutsche Labor an der 2001 gegründeten Synchrotronstrahlungsquelle BESSY II. Die Arbeit wird mit Unterstützung der Freien Universität Berlin, des Helmholtz-Zentrums Berlin, der Technischen Universität Dresden, des Ioffe Instituts für Physik und Technologie Sankt Petersburg, des Nationalen Forschungszentrums Kurchatov Institut, des A.-V.-Shubnikov- Instituts für Kristallographie Moskau und natürlich der Staatlichen Universität Sankt Petersburg organisiert und finanziert. Derzeit beherbergt das Labor eine Quelle für die sogenannte weiche Röntgenstrahlung und eine Versuchsstation, die es ermöglichen, die atomare Struktur der Materie und die Eigenschaften ihrer Elektronenhüllen zu untersuchen. 

Einer der wichtigsten Partner der SPbU in Deutschland ist die Freie Universität Berlin. Gemeinsam führen wir mehrere große Wissenschafts- und Bildungsprojekte durch. Darüber hinaus haben wir mehrere Spezialfonds gestaltet, das sind sozusagen Spezialprogramme, in deren Rahmen wir Mittel für vielversprechende wissenschaftliche Forschung verteilen. Daher setzen wir seit 2015 ein Programm zur finanziellen Unterstützung gemeinsamer Projekte um. Sehr wichtig dabei ist, dass es sich darauf konzentriert, eben die Anfangsphasen gemeinsamer Projekte der WissenschaftlerInnen der SPbU und der Freien Universität Berlin zu unterstützen, deren weitere Finanzierung aus Drittquellen erwartet wird. In den Jahren 2015–2020 wurden im Rahmen des Programms 21 gemeinsame Forschungs- und Bildungsprojekte unterstützt, von denen die Hälfte bereits bedeutende wissenschaftliche Ergebnisse aufgewiesen haben. Es ist anzumerken, dass im Rahmen unserer Partnerschaft noch andere Wettbewerbe um finanzielle Unterstützung stattfinden, das betrifft also nicht nur Projekte in der Anfangsphase.

Ein weiteres äußerst wichtiges gemeinsames Projekt der SPbU, der Freien Universität Berlin und des DAAD ist das Deutsch-Russische Interdisziplinäre Wissenschaftszentrum G-RISC (German-Russian Interdisciplinary Science Center), das von uns im März 2010 eröffnet wurde. StudentInnen, DoktorandInnen und junge WissenschaftlerInnen aus Russland und Deutschland können die Finanzierung ihres Projekts im Rahmen des Zentrums beantragen. Mit Hilfe von G-RISC gehen russische ForscherInnen nach Deutschland und umgekehrt kommen deutsche WissenschaftlerInnen zu uns. Ich möchte auch darauf hinweisen, dass wir nicht nur eine Wissenschafts-, sondern auch eine Bildungskooperation aufbauen, denn im Rahmen des G-RISC wird Finanzierung für Kurzzeitvorlesungen und die Durchführung gemeinsamer internationaler Konferenzen, Studentenschulen und praktischer Seminare gewährt. Das Zentrum ist auf Projekte in Physik, physikalischer Chemie, Geophysik, Astrophysik, Biophysik, Materialwissenschaft und Werkstofftechnik sowie Mathematik ausgerichtet.

Dank unserer beiderseitigen Bemühungen, vieler gemeinsamer Programme und Projekte, die ich erwähnt habe, konnten wir in den letzten zehn Jahren die Anzahl gemeinsamer wissenschaftlicher Veröffentlichungen mehrfach erhöhen, das heißt, echte Ergebnisse erzielen. Wenn 2010 rund 150 Artikel von SPbU-WissenschaftlerInnen unter Mitwirkung von KollegInnen aus Deutschland veröffentlicht wurden, lag diese Zahl 2019 bei über 400. Wir verzeichneten einen jährlichen systematischen Anstieg der Anzahl gemeinsamer Forschungsarbeiten. Betrachtet man die Gesamtzahl der Veröffentlichungen, so hat diese in den letzten zehn Jahren 2.800 überschritten, und die Anzahl der Zitate dieser Werke hat 57.000 erreicht! Zu beachten ist auch das höchste Niveau dieser Studien: 68 % der veröffentlichten gemeinsamen Artikel wurden in Zeitschriften des ersten Quartils veröffentlicht.

Als eines der jüngsten Beispiele für die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen russischen und deutschen WissenschaftlerInnen kann die Schaffung einer photoaktiven Nanobeschichtung, die Mikroorganismen auf den Oberflächen von Sonnenkollektoren zerstört, dienen. Dies ist auch eine gemeinsame Entwicklung von WissenschaftlerInnen der SPbU und der Freien Universität Berlin, die die Lebensdauer und Effizienz von Solarpanelen erhöhen wird.

Ein weiteres Beispiel ist die Entdeckung eines bisher unbekannten Salamanders, der im Mittleren Jura lebte. Expeditionsarbeit und Laborforschung wurden gleichzeitig durch Stipendien der Russischen Stiftung für Grundlagenforschung und der DFG unterstützt. Das Tier wurde Egoria malashichevi genannt – zu Ehren von Egor Malashichev, Dozent der Abteilung für Wirbeltierzoologie der SPbU, der Ende 2018 verstarb.

Historisch gesehen haben wir die engste Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Physik, Mathematik und Naturwissenschaften: die größte Anzahl der Veröffentlichungen – über 30 % – auf dem Gebiet der Physik und Astronomie. Ein erheblicher Anteil entfällt auf gemeinsame Forschungen in den Bereichen Chemie, Mathematik, Materialwissenschaften und Werkstofftechnik sowie Geowissenschaften. Aber auch die Geisteswissenschaften versuchen mitzuhalten: Beispielsweise arbeiten unsere JuristInnen seit vielen Jahren mit der juristischen Fakultät der Universität Passau zusammen und veranstalten regelmäßig gemeinsame Seminare und wissenschaftliche Konferenzen. Zum Beispiel veranstalteten wir im Rahmen des Deutsch- Russischen Jahres ein gemeinsames internationales Seminar über europäisches und internationales Strafrecht und Menschenrechte im Strafverfahren.

Ganz nebenbei sei gesagt, haben einige unserer Forschungsteams (GeisteswissenschaftlerInnen, NaturwissenschaftlerInnen und natürlich interdisziplinäre Gruppen) sich für die Teilnahme am offenen Wettbewerb „Russland und Deutschland: Wissenschafts- und Bildungsbrücken“ beworben.  


Welche Veranstaltungen im Rahmen des Deutsch-Russischen Jahres der Wissenschafts- und Bildungspartnerschaften 2018/2020 bewerten Sie als die interessantesten und bedeutendsten?

Ich möchte wiederholen, dass es eine Vielzahl gemeinsamer Projekte mit deutschen Kollegen an der SPbU gibt, die alle eine jahrelange Geschichte haben, und es äußerst schwierig ist, eines oder sogar mehrere der erfolgreichsten hervorzuheben.

Auf der Basis und unter Beteiligung der SPbU sind, wie bereits erwähnt, mehrere russisch-deutsche Forschungs- und Bildungszentren tätig. Neben wissenschaftlicher Tätigkeit und Studium spielen jedoch auch organisatorische und administrative Prozesse eine wichtige Rolle. Wir konnten nicht nur mit deutschen Partnern, sondern auch mit vielen anderen ein bequemes, verständliches und komfortables System für gemeinsame internationale Entwicklung etablieren. Aber es waren eben unsere gemeinsamen Erkenntnisse, die die Grundlage dieses Systems gebildet haben.