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Interesse an russisch-deutscher wissenschaftlicher Zusammenarbeit wächst

Maksim Timofejew, Direktor des Forschungsinstituts für Biologie der Staatlichen Universität Irkutsk

Interesse an russisch-deutscher wissenschaftlicher Zusammenarbeit wächst

Das Deutsch-Russische Jahr der Hochschulkooperation und Wissenschaft 2018-2020 soll der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern beider Länder neue Impulse geben und das Zusammenwirken zwischen Hochschulen und Wissenschaftsorganisationen transparenter machen. Sind diese Veränderungen spürbar?

Es hat sich so ergeben, dass seit 1999, als ich zum ersten Mal ein Praktikum an der Freien Universität Berlin absolviert habe, meine wissenschaftliche Tätigkeit untrennbar mit Deutschland verbunden ist. Seit diesem ersten Besuch gab es bis heute kein einziges Jahr, in dem ich dieses Land nicht besucht und keine gemeinsamen Projekte mit meinen deutschen KollegInnen durchgeführt habe, zuerst als Postdoktorand, dann als Leiter eines Forschungsteams, jetzt als Direktor des Instituts.

Wir begannen mit kleinen Projekten mit Universitätsteams aus Berlin, Kiel und Münster und mit den Instituten der Leibniz-Gemeinschaft. Bereits seit 2011 haben wir eine gemeinsame deutsch-russische Helmholtz-Forschergruppe, und derzeit kooperieren wir mit drei führenden Zentren der Helmholtz-Gemeinschaft. Jetzt arbeiten wir an Klima- und Ökologieprojekten mit dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig (UFZ) und dem Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) (Bremerhaven). Wir führen die biopharmazeutische Entwicklung mit dem Helmholtz-Institut für Pharmazeutische Forschung (HIPS) (Saarbrücken) und weitere Projekte mit mehreren deutschen Universitäten durch.

Daher kann man mit Recht sagen, dass wir in der deutsch-russischen wissenschaftlichen Zusammenarbeit ganz „an der Spitze“ stehen und jegliche Veränderungen in diesem Bereich spüren. Ich muss anmerken, dass das Interesse an der Entwicklung von Kontakten zwischen russischen und deutschen akademischen Strukturen sowie das Interesse an der Unterstützung dieser Partnerschaften seitens der Forschungsfonds und Regierungsinstitutionen deutlich zugenommen hat.


Haben sich im Rahmen des Themenjahres neue Bereiche der Zusammenarbeit zwischen Ihrer Organisation und der deutschen Seite herausgebildet? Welche?

Gerade 2018 haben wir einen weiteren wichtigen Schritt in der Entwicklung unserer Partnerschaft getan: Das neue Projekt „Auswirkungen des Klimawandels auf kälteangepasste Endemiten des Baikalsees“, das gemeinsam mit unseren Kollegen vom UFZ und AWI durchgeführt wurde, wurde im Rahmen des Wettbewerbs des Russischen Forschungsfonds und der Helmholtz-Gemeinschaft unterstützt. Dieses Projekt kann zweifellos als grundlegend bezeichnet werden, weil wir in dieser Studie am Beispiel des Baikalsees und seiner endemischen Gemeinschaften versuchen, die Auswirkungen globaler Klimafaktoren auf die empfindlichsten Ökosysteme des Planeten zu bewerten.

Die Schwerpunkte unserer Zusammenarbeit beschränken sich jedoch nicht nur auf die Probleme der Grundlagenwissenschaft. So suchen wir gemeinsam mit unseren Kollegen vom HIPS nach den neuesten biologisch aktiven Verbindungen, die von den endemischen Bewohnern des Baikalsees gespeichert oder produziert werden. Dank der gemeinsamen Anstrengungen ist es uns bereits gelungen, eine neue Gruppe von natürlichen Antibiotika zu entdecken, die der Wissenschaft bisher unbekannt war. Die Gruppe erhielt den Namen „Baikalomycine“, nach dem See selbst, und ein gemeinsamer Beitrag über diese Entdeckung wurde erst kürzlich in der Zeitschrift Microorganisms veröffentlicht.


An welchen mit dem Themenjahr verbundenen Initiativen hat Ihr Institut teilgenommen und welche Ergebnisse hat haben sie erbracht? Wie hat das Deutsch-Russische Jahr der Hochschulkooperation und Wissenschaft die Arbeit der Forschungszentren beeinflusst?

Dieser ganze Zeitraum war äußerst reich an Veranstaltungen, Arbeitstreffen und Seminaren. So hat Ende 2018 in Bremen und 2019 in Leipzig eine Reihe unserer gemeinsamen wissenschaftlichen Seminare mit Kollegen vom UFZ und AWI stattgefunden. An all diesen Seminaren haben sowohl erfahrene Forscher als auch junge Wissenschaftler unseres Instituts teilgenommen. Im selben Jahr 2019 haben junge Wissenschaftler des Instituts in Sotschi auf einem Seminar des Russischen Forschungsfonds und der Helmholtz-Gemeinschaft, das am Standort des Bildungszentrums Sirius stattfand, einen Vortrag über die Ergebnisse der Erforschung des Einflusses klimatischer Faktoren auf die Organismen des Baikalsees gehalten. Fragen der globalen Klimaagenda wurden auch bei den „Helmholtz-Wintergesprächen“ im Februar dieses Jahres diskutiert, zu denen wir gemeinsam mit unseren deutschen Kollegen eingeladen waren.

Im Großen und Ganzen nutzen wir die Wintermonate für intensive Arbeit in den Labors und für den gegenseitigen Austausch. Allein in diesem Jahr haben sechs junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unserem Institut Praktika in deutschen Forschungszentren absolviert. Nun, die Sommerzeit ist eine Zeit der Expeditionen. Unsere letzte gemeinsame deutsch-russische Expedition in die Gebiete des Mittel- und Nordbaikalsees fand 2019 statt. Die neue Expedition in diesem Jahr hat wegen der Quarantäne leider nicht stattgefunden, so dass wir sie auf das nächste Jahr verschoben haben. Aber dennoch geht unsere gemeinsame Arbeit trotz der Einschränkungen kontinuierlich weiter. So finden fast wöchentlich Arbeitsseminare mittels Videokonferenzen statt, in Echtzeit werden analytische Arbeiten koordiniert und wissenschaftliche Beiträge vorbereitet.


Spürt man ein wachsendes Interesse an gemeinsamen wissenschaftlichen Projekten seitens der Wissenschaftler aus beiden Ländern?

Zweifellos wächst das Interesse an der deutsch-russischen Zusammenarbeit, und man spürt das. In diesem Jahr ist es uns gelungen, ein weiteres neues Projekt zu starten, nun unter Beteiligung unserer Kollegen von der Universität Rostock. Mit Unterstützung des Russischen Forschungsfonds  entwickeln wir die neuesten Biosensortechnologien für die intravitale Bewertung der Stresszustände der Endemiten im Baikalsee. Ein Teil dieser Arbeit wird unter der methodischen Leitung von Spezialisten aus Rostock durchgeführt. Im selben Jahr haben wir zusammen mit unseren Kollegen von der Universität Leipzig ein neues Forschungsprogramm über die genetischen Ressourcen der Baikal-Endemiten entwickelt. Wir rechnen auf die Unterstützung der DFG. Es gibt also viele Pläne, es besteht gegenseitiges Interesse und das Bestreben, große und bedeutende Projekte zu verwirklichen.

Das Potenzial des Baikal-Ökosystems ist riesig, es gibt immer wieder Ideen und neue Richtungen. Der Baikalsee ist weltweit führend in Bezug auf Artenfülle und Anzahl der Endemiten mit erstaunlichen Merkmalen und Eigenschaften. Im Grunde ist das endemische Baikal-Ökosystem ein einzigartiges Laboratorium für die Lösung umfangreicher wissenschaftlicher Probleme, die für die führenden Forscher der Welt von Interesse sind.

Dabei ist die Rolle der deutschen Wissenschaft bei der Erforschung des Baikalsees historisch gesehen eine der bedeutendsten und frühesten. Nur wenige wissen davon, aber einer der ersten Forscher des Sees war der Deutsche Daniel Gottlieb Messerschmidt, Mitglied der Russischen (St. Petersburger) Akademie der Wissenschaften, der von Peter dem Großen selbst aus Deutschland eingeladen wurde. Ihm zu Ehren haben wir übrigens 2014 eine ebenfalls während unserer gemeinsamen deutsch-russischen Expedition entdeckte neue Art des endemischen Baikalischen Krebses aus der Familie der Gammaridae Eulimnogammarus messerschmidtii benannt.


Welche Veranstaltungen im Rahmen des Deutsch-Russischen Jahres der Hochschulkooperation und Wissenschaft 2018-2020 würden Sie als die interessantesten und bedeutendsten bezeichnen?

Es ist schwierig, eine einzelne Veranstaltung hervorzuheben, jede ist auf ihre Weise wertvoll und bedeutend. Ich kann eine erwähnen, die in ihren Folgen für mich persönlich eine angenehme Überraschung war. So habe ich im vergangenen Oktober an der Podiumsdiskussion „Die Auswirkungen der Internationalisierung auf die Qualität der Hochschulbildung: die Erfahrungen Russlands und Deutschlands“ teilgenommen, die von der Deutschen Botschaft und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst organisiert wurde. In einer sehr interessanten und repräsentativen Gesellschaft von Kollegen haben wir unter verschiedenen Themen die Aussichten von Mega-Science-Projekten besprochen. Ein unerwartetes Ergebnis dieses Gesprächs war, dass sich unter den Gästen der Veranstaltung auch der wissenschaftliche Direktor einer der weltweiten Großforschungsanlagen, des European XFEL (europäischer Freie-Elektronen-Laser mit Röntgenstrahlung) in Hamburg, befand. Als Ergebnis wurde ich zum Besuch des XFEL eingeladen, und zwei Wochen später haben wir in Hamburg schon an Plänen für mögliche gemeinsame Forschungen innerhalb dieses Megaprojekts gearbeitet. Es ist also höchst wahrscheinlich, dass in naher Zukunft die Liste unserer internationalen Partnerschaften durch die Zusammenarbeit mit Projekten auf Mega-Science-Niveau ergänzt wird. Kein schlechtes Ergebnis einer Podiumsdiskussion.

Insgesamt bin ich optimistisch in Bezug auf die Entwicklung der deutsch-russischen Wissenschafts- und Bildungszusammenarbeit. Unsere Länder waren einander schon immer sehr nahe und eng miteinander verbunden. Ich hoffe, dass auch die akademische und fachliche Zusammenarbeit zunehmen wird, nicht nur durch die Verbesserung und Stärkung der deutsch-russischen Beziehungen, sondern auch durch einen Beitrag zur Lösung globaler Probleme, seien es Sicherheits- und Gesundheitsprobleme, vor denen die Menschheit steht, oder die klimatischen Herausforderungen weltweit.