Nehmen Sie am Wettbewerb: "Brücken für die deutsch-russische Hochschul- und Wissenschaftszusammenarbeit" teil - Hier gehts zur Online-Anmeldung!
  • Über das Themenjahr
  • Partnerschaften im Themenjahr
  • Teilnahme
  • Themen
  • Leuchtturmprojekte
  • Forscherporträts
 

Forschungsfreiheit, Wissenschaftlichkeit und Nachhaltigkeit des Dialogs

Dr. Sandra Dahlke, Direktorin des Deutschen Historischen Instituts in Moskau

Forschungsfreiheit, Wissenschaftlichkeit und Nachhaltigkeit des Dialogs

Welche Erfahrungen haben Sie mit der deutsch-russischen Wissenschaftszusammenarbeit?

Unsere Erfahrungen der Kooperation mit Kolleg*innen und wissenschaftlichen Einrichtungen in Russland sind sehr positiv. Gegenläufig zur aktuellen politischen Konjunktur steigen das Interesse und die Anzahl an Kooperationsanfragen. Für solche Kooperationen gibt es inzwischen auch Formate der großen Wissenschaftsförderorganisationen in Deutschland und Russland. Zeitgleich verändert sich das gesellschaftliche Klima. Das zeigt sich insbesondere in Reaktionen auf einige Projekte, die wir immer mit Partnerinstitutionen in Russland betreiben, in den sozialen Medien und in der Tendenz, geschichtspolitische und wissenschaftliche Anliegen zu vermengen. Gerade in angespannten Zeiten ist es besonders wichtig – und hier sind wir mit unseren wissenschaftlichen Partner*innen in Russland einig, dass Wissenschaftler*innen in den Geistes- und Sozialwissenschaften streng auf die Einhaltung wissenschaftlicher Standards achten und den wissenschaftlichen Dialog zu verteidigen. 


Welche sichtbaren Ergebnisse sind aus der Zusammenarbeit des DHI mit russischen Partnereinrichtungen inzwischen entstanden und welche Ziele wollen Sie erreichen?

Wichtige Ergebnisse unserer gemeinsamen Arbeit liegen auf dem Gebiet der gemeinsamen Erforschung und Dokumentation der eng miteinander verwobenen gewalthaften Geschichte unserer beiden Staaten und des östlichen Europas insgesamt im 20. Jahrhundert. Hier geht es insbesondere um den Vernichtungskrieg, den Deutschland gegen die Sowjetunion führte, aber auch um den Krieg und die Nachkriegsordnung in Europa. In einem gemeinsamen Projekt mit der Russländischen Archivagentur, dem Archiv der Verteidigungsministerium, der Russländischen Historischen Gesellschaft und anderen Archiven digitalisiert das DHI Moskau die Akten deutscher Provenienz, die in Folge des Zweiten Weltkriegs in die Sowjetunion verbracht worden sind. Diese lagern heute in den Archiven der Russländischen Föderation und anderer Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Die Bestände werden für die internationale Forschung erschlossen und fortlaufend open-access auf der Webseite: https://germandocsinrussia.org zugänglich gemacht. 

Persönliche Daten sowjetischer Kriegsgefangener

In einem anderen Projekt, das 2016 durch die beiden Außenminister Sergej Lavrov und Frank Walter Steinmeier initiiert worden ist, erhebt das DHI Moskau gemeinsam mit seinen Partnern (dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., der russischen Assoziation „Voennye Memorialy“, der Aktiengesellschaft „Elektronische Archive“ (ELAR) und auf deutscher Seite dem Bundesarchiv) die personenrelevanten Daten sowjetischer Kriegsgefangener. Die Daten werden zum Zwecke der Schicksalsklärung und der Forschung von der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg in der Datenbank „Memorial Archives“ sowie von ELAR in der Datenbank „OBD Memorial“ aufbereitet und zugänglich gemacht. Diese Dokumentationsprojekte dienen sowohl der Verständigung unserer beider Staaten und der wissenschaftlichen (und teilweise juristischen) Aufarbeitung von Massenverbrechen im 20. Jahrhundert.

Nachhaltige Wissenschaftskontakte und Stipendienprogramme

Darüber hinaus arbeitet das DHI Moskau in allen seinen Forschungsprojekten, die sich vom 15. bis in das 21. Jahrhundert erstrecken, eng mit Partner*innen aus Russland zusammen. Diese Zusammenarbeit zeigt sich sowohl in gemeinsamen Veranstaltungen als auch in Publikationen.

Mit unserem Stipendienprogramm fördern wir jährlich etwa fünfzig überwiegend jüngere Historiker*innen aus Europa, den USA und Asien, die sich mit der deutschen oder/und der russischen bzw. sowjetischen Geschichte beschäftigen. Der größte Anteil der Stipendiat*innen kommt aus der Russländischen Föderation und den ehemaligen Staaten der Sowjetunion. Es ist unser Anliegen, hier nachhaltige Wissenschaftskontakte zu etablieren.


Worin sehen Sie die besondere Bedeutung der deutsch-russischen Wissenschaftszusammenarbeit?

Ich spreche hier aus der Sicht der Historikerin. Insbesondere in der gemeinsamen Aufarbeitung der gewalthaften Geschichte des 20. Jahrhunderts. Wichtig sind mir und dem DHI Moskau, gemeinsam für die Gültigkeit wissenschaftlicher Standards einzutreten, den Austausch, Internationalität und den Dialog zu fördern. Grundsätzlich wichtig für unsere Arbeit als Historiker*innen ist, dass im Rahmen der international üblichen Regelungen der gegenseitige Archivzugang gewährleistet wird. Nur so lässt sich die Vergangenheit auf transparente und methodisch abgesicherte Weise erforschen.

    

Welchen Schwerpunkt wollen Sie im dt.-russ. Themenjahr unter der Schirmherrschaft beider Außenminister für die deutsch-russische Wissenschaftszusammenarbeit setzen? Wie ist Ihr Ausblick in die Zukunft?

Das DHI Moskau entwickelt seit Frühjahr 2017 in enger Kooperation mit dem Lehrstuhl für Russland/-Asienstudien der LMU München den Arbeitsbereich „Russlands Nordpazifik“, der Russland als pazifische Macht in Geschichte und Gegenwart in den Blick nimmt. Für den Zeitraum vom 19. Jahrhundert bis in die Jetztzeit untersucht er Verflechtungen und Brüche im Verhältnis mit fünf anderen nordpazifischen Anrainerstaaten (China, (Süd-)Korea, Japan, USA und Kanada) und fragt nach den treibenden Faktoren hierbei. 

Klima und Ressourcen im Fokus 

Politische, ökonomische, rechtliche, ideologische und soziale Verbindungen und Konfliktlinien zwischen den genannten Staaten finden dabei ebenso Berücksichtigung wie eine umwelthistorische und -politische Perspektive. Insbesondere im Bereich der Umweltgeschichte (Klima, Ressourcen, Infrastrukturen) möchten wir im Rahmen des deutsch-russischen Themenjahrs Akzente setzen.


Welche Empfehlungen geben Sie, auf Basis Ihrer Erfahrungen, anderen Akteuren mit auf den Weg?

Die Geistes- und Sozialwissenschaften haben gerade in politisch angespannten Zeiten sicher mit anderen Schwierigkeiten zu kämpfen als die Natur- und Technikwissenschaften. Aus der Perspektive der ersteren würde ich sagen: Es ist wichtig, wissenschaftliche Standards zu verteidigen und den Dialog zu führen, auch wenn der Wind manchmal scharf weht. Auf der Arbeitsebene funktioniert das sehr gut.


Dr. Sandra Dahlke
Direktorin des DHI Moskau
Telefon: +7 495 730 52 49
E-Mail: sandra.dahlke@dhi-moskau.org