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Eine gemeinsame „Roadmap“ setzt neue Maßstäbe in der bilateralen Bildungs- und Forschungszusammenarbeit

Frithjof A. Maennel, Leiter der Unterabteilung 21 Internationale Zusammenarbeit in Bildung und Forschung im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)

Eine gemeinsame „Roadmap“ setzt neue Maßstäbe in der bilateralen Bildungs- und Forschungszusammenarbeit

Wodurch zeichnet sich die Zusammenarbeit mit Russland in Wissenschaft und Forschung aus? In welchen Forschungsbereichen ist die Zusammenarbeit besonders intensiv?

Im Bereich der Meeres- und Polarforschung pflegen Deutschland und Russland seit vielen Jahrzenten eine gute und intensive Zusammenarbeit. Ein aktuelles Beispiel dieser guten Forschungszusammenarbeit ist die MOSAiC-Expedition. Die größte Arktis-Expedition aller Zeiten. Unter der Leitung des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven haben über 300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus über 80 Instituten aus 20 Nationen ein Jahr lang die Arktis und insbesondere das arktische Klima erforscht. Als zentrale Forschungsbasis hat sich der deutsche Forschungseisbrecher POLARSTERN im Eis der Arktis einfrieren lassen und ist dann mit dem Meereis durch das Nordpolarmeer gedriftet. Bereits als die POLARSTERN am 20. September 2019 von Tromsø aus in die Arktis aufgebrochen ist, wurde die herausgehobene Stellung Russlands als Partner dieser Expedition deutlich. Die POLARSTERN wurde zu Beginn der Expedition vom russischen Forschungseisbrecher AKADEMIK FEDOROV begleitet.

Gemeinsam wurden mögliche Eisschollen für das Driftexperiment erkundet. Hierbei waren insbesondere die Erfahrungen der russischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von herausragender Bedeutung. Bei dieser außergewöhnlichen Arktis-Forschungsexpedition „MOSAiC“ haben beide Länder in vielfältiger Art und Weise zusammengearbeitet. Für die logistische Unterstützung wurden mehrfach russische Eisbrecher eingesetzt, um insbesondere Expeditionsteilnehmerinnen und –Teilnehmer auszutauschen und die Expedition mit Material und Brennstoff zu versorgen. Auch als die Expedition im Zuge der Covid-19 Pandemie zu scheitern drohte, da internationale Forschungseisbrecher nicht wie geplant eingesetzt werden konnte, hat sich die gute Zusammenarbeit mit Russland erneut gezeigt. Kurzfristig hat das Russische Arktis- und Antarktis Forschungsinstitut, das AARI, seinen Forschungseisbrecher AKADEMIK TRYOSHNIKOV für den vierten und letzten Austausch der Expeditionsteilnehmerinnen und Expeditions-teilnehmer zur Verfügung gestellt. Ziel der MOSAiC-Expedition ist das Verständnis des Umwelt- und Klimasystems der Arktis. Keine Region der Erde erwärmt sich derzeit so schnell wie die Arktis. Das hat schon jetzt unmittelbare Auswirkungen auf unsere Breiten. Die Expeditions-ergebnisse werden nun die fachlichen Grundlagen für politische Entscheidungen zum Klimaschutz liefern. Ohne Unterstützung der russischen Seite wäre die MOSAiC-Expedition so nicht durchführbar gewesen.

Wir blicken in der bilateralen Wissenschaftskooperation auf eine jahrhundertelange Tradition zurück, die auch in Russland hochgeschätzt wird. Mit der Ende 2018 von Bundesforschungsministerin Anja Karliczek und ihrem damaligen russischen Amtskollegen Mikhail Kotjukov unterzeichneten „Deutsch-russischen Roadmap für die Zusammenarbeit in Bildung, Wissenschaft, Forschung und Innovation“ haben wir eine Arbeitsgrundlage für das gemeinsame Forschen für die nächsten zehn Jahre geschaffen. Diese Vereinbarung bietet uns eine Orientierung zu den gemeinsamen Schwerpunkten der Zusammenarbeit. Sie ist darüber hinaus die einzige derartige gemeinsame Kooperationsstrategie des BMBF mit einem Partnerland. Sie beruht auf einem umfangreichen Bottom-up-Prozess mit den Forschungs- und Mittlerorganisationen beider Länder. Fachlich spannt sich der Bogen von der Grundlagenforschung an großen Infrastrukturen über Bioökonomie, Gesundheitsforschung, Forschung zu Umweltfragen, Klima und erneuerbaren Energien, innovative Produktionstechniken bis hin zu den Geistes- und Sozialwissenschaften. Die großen Forschungsinfrastrukturen bilden die erste der insgesamt vier sogenannten Säulen der Roadmap. Wir bauen hier eine Zusammenarbeit aus, die gemeinsam mit weiteren internationalen Partnern seit langer Zeit bei der Entwicklung und dem Bau wissenschaftlicher Großgeräte besteht.

So ist Russland zum Beispiel beim europäischen Röntgen-Freie-Elektronen-Laser European XFEL nahe Hamburg und dem noch im Bau befindlichen Teilchenbeschleuniger FAIR bei Darmstadt nach Deutschland jeweils der zweitwichtigste Anteilseigner. Die Röntgenblitze von XFEL ermöglichen es, zum Beispiel atomare Details von Viren zu erkennen oder chemische Reaktionen quasi zu filmen. Auf diesem Weg werden Erkenntnisse von der Grundlagen- bis hin zur anwendungsorientierten Forschung generiert. Aktuell sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dort auch mit mehreren COVID-19-bezogenen Forschungsprojekten befasst. Mit FAIR wird Materie im Labor erzeugt und erforscht, wie sie sonst nur im Universum vorkommt. Uns erwarten neue Einblicke in den Aufbau der Materie und die Entwicklung des Universums, vom Urknall bis heute. Auch hier geht es aber nicht ausschließlich um Grundlagenforschung, sondern auch um den Transfer der Erkenntnisse in technische und medizinische Anwendungen.


Mit welchen Aktivitäten hat das BMBF das deutsch-russische Themenjahr der Hochschulkooperation und Wissenschaft unterstützt?

Das Themenjahr bündelt laufende Aktivitäten, um diese sichtbarer zu machen und den beiderseitigen Nutzen hervorzuheben. Die Bildungs- und Forschungskooperation bot sich dafür an. Sie schafft Brücken – auch in politisch schwierigen Zeiten. Die konkreten Inhalte stammen dabei von den vielen Akteuren wie Hochschulen oder den Forschungs- und Mittlerorganisationen, die dies auf deutscher Seite oft auch auf der Basis unserer Fördermittel umsetzen.

Natürlich haben wir uns darüber hinaus an den Leuchtturm-Veranstaltungen des Themenjahres im Dezember 2019 und im September dieses Jahres beteiligt. Neben den von uns geförderten Kooperationen haben wir dabei auch unsere Forschungs- und Kooperationspolitik durch Beiträge oder die Teilnahme an Podiumsdiskussionen vertreten. Dies gilt ebenso für die zentralen Veranstaltungen der Forschungsorganisationen wie beispielsweise die Helmholtz Wintergespräche in Moskau. Mit den auch unabhängig vom Themenjahr arbeitenden bilateralen Gremien zur Bildungs- und Forschungskooperation schaffen wir zudem auf verschiedenen Ebenen den Rahmen, der es uns erlaubt, die Zusammenarbeit konkret umzusetzen und damit auch das Themenjahr mit erfolgreichen Projekten anzureichern.


Inwieweit hat das Themenjahr aus Ihrer Sicht die Roadmap flankiert?

Die Initiative unserer Außenminister zum Themenjahr hat unsere Roadmap in ihrer Anfangsphase sicherlich unterstützt. Die Roadmap hat gerade zu Beginn davon profitiert, dass durch das Themenjahr der Dialog intensiviert wurde und die Forschungs- und Hochschulkooperationen noch sichtbarer wurden. Er hat zusätzliche Ideen und Kooperationsansätze hervorgebracht, die die Umsetzung der Roadmap unterstützen und zur angestrebten fachlichen Exzellenz in der Kooperation beitragen können.

Die vierte Säule der Roadmap widmet sich dem Brückenschlag zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft in beiden Ländern. Mit unserer Kooperation wollen wir Innovationen insbesondere zur Lösung globaler Herausforderungen voranbringen und die Erkenntnisse mit der Gesellschaft kommunizieren, denn die Wissenschaftskommunikation liegt uns am Herzen. Hierzu hat das Themenjahr Grundlagen gelegt.


Das zweite Jahr der Roadmap nähert sich dem Ende - Quo vadis?

Mit der Roadmap verfolgen wir das Ziel, die Kooperation für einen längeren Zeitraum strategisch auszurichten. Zusätzlich zu den großen Forschungsinfrastrukturen haben wir uns beispielsweise in der zweiten Säule der Roadmap mit den prioritären Kooperationsthemen einen klaren fachlichen Rahmen gesetzt. Während wir dabei in einigen Bereichen wie der Meeres- und Polarforschung oder der Bioökonomie eine etablierte Zusammenarbeit weiterentwickeln, wollten wir andere Bereiche wie die Geistes- und Sozialwissenschaften oder den Bereich der Energieeffizienz und der erneuerbaren Energien wiederbeleben bzw. neu aufbauen. Ausgebremst durch die Beschränkungen, die mit der COVID-19-Pandemie entstanden sind, bleibt da noch einiges zu tun. Das werden wir im kommenden Jahr anpacken.

Natürlich bleibt unser Themenkanon nicht statisch. Laut Vereinbarung wollen wir ihn nach drei Jahren anpassen, falls dies erforderlich ist.


Was wünschen Sie sich für die zukünftige Wissenschafts- und Forschungs- zusammenarbeit mit Russland?

Für mich hat die dritte Säule unserer Roadmap eine besondere Bedeutung. Sie widmet sich der Nachwuchsförderung. Wir sind uns mit unseren russischen Partnern einig, dass der Austausch von Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern, Studierenden und Auszubildenden eine wichtige Investition in künftige exzellente Forschung und in eine von gegenseitigem Vertrauen und Verständnis geprägte Zusammenarbeit darstellt. Ein erstes Stipendienprogramm im Bereich der großen Forschungsinfrastrukturen, das von uns gefördert und vom DAAD umgesetzt wird, ist bereits angelaufen. Wir wollen erreichen, dass möglichst viele junge Menschen die Chance bekommen, im jeweils anderen Land zu forschen, das Land und seine Kultur kennenzulernen und langfristige Verbindungen und Freundschaften aufzubauen. Diese jungen Menschen verleihen unserer Roadmap Nachhaltigkeit. Sie sind außerdem wichtige Brückenbauer zwischen unseren Ländern. Ihnen wollen wir mit der Roadmap den Rücken stärken. Das ist eine der zentralen Botschaften, die von dieser Roadmap ausgeht.

Aktuell diskutieren wir auch mit unseren Partnern in Russland über eine mögliche Zusammenarbeit bei der klimafreundlichen Produktion von Wasserstoff als alternativem Energieträger. Nicht nur Deutschland oder die EU, sondern auch Russland hat Pläne für eine eigene Wasserstoffwirtschaft entwickelt. Wir wollen prüfen, welche mögliche Synergien sich aus diesen Konzepten ergeben könnten und wie wir unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei der Erforschung von neuen Technologien in diesem Bereich unterstützen können.