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Die deutschen Institutionen sind strategische Partner für das russische Bildungs- und Wissenschaftssystem

Alexander Oganowitsch Tschubarjan, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für allgemeine Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften

Die deutschen Institutionen sind strategische Partner für das russische Bildungs- und Wissenschaftssystem

Das Deutsch-Russische Jahr der Hochschulkooperation und Wissenschaft 2019/2020 soll der Zusammenarbeit der Wissenschaftler beider Länder neue Impulse geben und das Zusammenspiel zwischen Hochschulen und wissenschaftlichen Organisationen transparenter machen. Was die Russische Akademie der Wissenschaften betrifft, unterstützt sie wissenschaftliche Projekte, die im Rahmen des Themenjahres umgesetzt werden, und auf welche Weise?

Die deutschen Institutionen sind strategische Partner für das russische Bildungs- und Wissenschaftssystem. Wenn man den Umfang und die Qualität der gemeinsamen Projekte mit anderen Ländern vergleicht, kann man sagen, dass derzeit gerade ihnen Priorität zukommt. Daher unterstützt und entwickelt die Russische Akademie der Wissenschaften verschiedene Tätigkeitsbereiche und arbeitet mit deutschen KollegInnen in einem breiten Spektrum von wissenschaftlichen Disziplinen zusammen.

Ernsthafte gemeinsame Aktionen werden in den Naturwissenschaften durchgeführt, das ist vor allem die Physik. Es gibt ein riesiges Projekt unter der Leitung des gemeinsamen Instituts für Kernforschung der Russischen Föderation und zahlreicher Institutionen in Deutschland. Ich weiß auch von der Zusammenarbeit im Bereich der Materialwissenschaften. 

Es gibt ein gutes Innovationsprojekt, das die Digitalisierung betrifft, die sowohl in Russland als auch in Deutschland sehr gefragt ist. Die besondere Unterstützung und das Interesse der Russischen Akademie der Wissenschaften richtet sich auf den Bereich der Sozial- und Geisteswissenschaften. In diesem Bereich gibt es viele interessante Projekte, darüber möchte ich getrennt erzählen. 

Im Allgemeinen ist die Antwort sehr positiv. Für die Russische Akademie der Wissenschaften ist Deutschland eine der wichtigsten Kommunikationsrichtungen mit anderen Staaten und, ich wiederhole, ein strategischer Partner. Und seitens Deutschlands sind es Universitäten, wissenschaftliche Zentren und Forschungsorganisationen wie das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, das Helmholtz-Zentrum und so weiter. 

Ich möchte sagen, was mir am nächsten ist. Seit mehr als zwanzig Jahren gibt es eine gemeinsame Deutsch-Russische Kommission zur Erforschung der allgemeinen Geschichte, der Geschichte unserer Länder und ihrer Beziehungen. Jedes Jahr finden Treffen und gemeinsame Aktionen im Rahmen dieser Organisation statt, und diese Tradition wurde nie unterbrochen. In den Sitzungen werden verschiedene wissenschaftliche Probleme diskutiert, manchmal sehr aktuelle, aber es zeigte sich, dass wir einen Mechanismus gefunden haben: Wenn wir unterschiedliche Sichtweisen auf einen Aspekt haben, äußern wir beide Standpunkte.

Ein weiteres sehr wichtiges Projekt: Vor 7 Jahren haben wir beschlossen, ein gemeinsames Lehrbuch für Geschichtslehrer in der Mittelschule – sowohl in Deutschland als auch in Russland – zu verfassen. Viele Menschen dachten, das sei undurchführbar, aber wir haben alle drei geplanten Teile des Buches herausgebracht. Wir begannen mit dem zwanzigsten Jahrhundert (20 Kapitel, von denen 14 gemeinsam geschrieben wurden, und in 6 Kapiteln gab es unterschiedliche Standpunkte: deutsche und russische, die in parallelen Artikeln gefunden wurden). Dann kamen die Bände über das 19. und 18. Jahrhundert. Die Trilogie wurde in zwei Sprachen veröffentlicht, wobei sie auf Deutsch bereits in der zweiten Auflage erschien. Die Herausgabe der Serie stieß auf große Resonanz. Die Präsentation fand im September 2019 statt. Wir wurden von dem russischen Präsidenten und der deutschen Bundeskanzlerin begrüßt. Derzeit werden die Ausgaben – Lehrmittel – von Pädagogen spezialisierter Sprachschulen in Moskau und ähnlichen deutschen Institutionen verwendet. Im Rahmen dieses großen Projekts planen wir eine Fortsetzung. Das werden dann Sammlungen von Dokumenten über das 18., 19. und 20. Jahrhundert sein.

Das Beispiel dieser Zusammenarbeit war so interessant, dass Anfragen für die Verfassung derartiger Bücher über die Geschichte Österreichs und sogar Polens eingingen. Jetzt ist eine ähnliche Arbeit mit Israel geplant.


Welchen Aspekten der Zusammenarbeit von Wissenschaftlern aus Russland und Deutschland widmet die Russische Akademie der Wissenschaften besondere Aufmerksamkeit? Ist ein erhöhtes Interesse an gemeinsamen wissenschaftlichen Projekten seitens der Forscher beider Länder wahrzunehmen?

Unser Interesse daran ist ziemlich sichtbar, aber es gibt eine Nuance: Im Zusammenhang mit der neuen Position der Akademie werden solche Projekte hauptsächlich von Instituten umgesetzt, und dementsprechend fällt das System ihrer Finanzierung unter das Ministerium für Wissenschaft und Hochschulbildung der Russischen Föderation. Insgesamt unterstützt die Akademie die internationale akademische Zusammenarbeit mit Deutschland mit allen Kräften. Das Hauptanliegen unserer und der gesamten akademischen Gemeinschaft ist, dass diese Zusammenarbeit nicht Routine, sondern lebendig und aktuell ist. Daher ist es wichtig, bahnbrechende Richtungen und die Entwicklung innovativer Projekte hervorzuheben, die nicht nur an bestehenden Richtungen festhalten, sondern nach neuen, wenig entwickelten Themen suchen.

Die deutschen Kollegen fördern und unterstützen gemeinsam mit unseren Wissenschaftlern nicht nur Institutionen, sondern auch die Mobilität von Studierenden, WissenschaftlerInnen und Hochschulpersonal. Angesichts der aktuellen weltweiten Entwicklungen, die unser Zusammenleben in Gesellschaften stark beeinflussen, ist die Zusammenarbeit in den Geisteswissenschaften besonders gefragt. Ich möchte darauf hinweisen, dass die Geisteswissenschaften in der Deutsch-russischen „Roadmap für die Zusammenarbeit in Bildung, Wissenschaft, Forschung und Innovation“ die Sozial- und Geisteswissenschaften aufgrund der aktuellen gesellschaftlichen Besonderheiten angesichts dessen stärker berücksichtigt werden müssen.


Gibt es heute viele junge Wissenschaftler in internationalen Forschungsteams? Wie, glauben Sie, können junge Menschen in die internationale wissenschaftliche Arena gelockt werden?

Generell bin ich kein Befürworter, den wissenschaftlichen Fachkräften nach Alter Priorität zu geben, aber insgesamt bleibt diese Aufgabe – die Integration der jungen Fachkräfte in die wissenschaftliche Agenda – natürlich immer aktuell. Wenn wir über neue Programme und Roadmaps sprechen, ist es notwendig, die aktive Beteiligung von DoktorandInnen und Studierenden in den letzten Studienjahren zu fördern. Das ist ein Defizit, das jetzt beobachtet wird. Auf der Bildungslinie gibt es ein System von Doppeldiplomen – viele Universitäten praktizieren das jetzt. Ich denke, dass es ratsam ist, sie auf Wettbewerbsbasis zugänglich zu machen, um die fähigsten Studierenden auszuwählen. Ich bin ein großer Befürworter, dass wir diese Auswahl nicht automatisch, sondern nach den Ergebnissen des Allrussischen Wettbewerbs für die Lösung der gestellten wissenschaftlichen und praktischen Aufgaben treffen.

Was den Mechanismus der Motivation für internationale wissenschaftliche Aktivitäten im Allgemeinen betrifft, ist meiner Meinung nach nicht alles an materiellen Fragen zu messen. Nach meiner Erfahrung im Kontakt mit jungen WissenschaftlerInnen kann ich sagen, dass für die meisten die ausländische Zusammenarbeit ein status- und prestigeträchtiges Ereignis ist. Die Teilnahme an einem internationalen Programm sollte keine Pflicht, sondern ein Privileg sein und die Einsicht vermitteln, dass dies eine Anerkennung der bisherigen Verdienste und des Erfolgs des/der jungen Wissenschaftlers/Wissenschaftlerin ist.


Welche Bereiche der gemeinsamen Forschung von Wissenschaftlern Russlands und Deutschlands möchten Sie am Ende des Jahres weiter verstärken?

Für mich persönlich sind die Sozial- und Geisteswissenschaften von besonderer Bedeutung. Mir ist die Rolle dieser Richtungen beim Ausbau der deutsch-russischen Beziehungen und für die Lösung gemeinsamer sozialer Fragen sowie für die Bewältigung der globalen Herausforderungen und Bedrohungen, denen die Menschheit gegenübersteht, wichtig. 

Eine weitere Aufgabe ist es, zu bestimmen, welche Rolle das moderne Bildungssystem bei der Gestaltung des wissenschaftlichen Umfelds spielt, inwieweit es ein hohes Niveau der Ausbildung von Fachkräften sowohl in Deutschland als auch in Russland gewährleistet. 
   
Was die Geschichte als Wissenschaft betrifft, ist derzeit in der Welt ein gewisser „Boom“, und obwohl Begriffe wie „Kampf um die Geschichte” oder „Umschreiben der Geschichte” populär sind, denke ich, dass die Nachfrage nach einer wahrheitsgemäßen und objektiven Darstellung der Geschichte jetzt mehr denn je offensichtlich ist.