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Nachhaltiges Netzwerk für den Wissenschaftsnachwuchs

Prof. Dr. Eckart Rühl
Prof. Dr. Eckart Rühl, Freie Universität Berlin
Prof. Dr. Alina Manshina
Prof. Dr. Alina Manshina, Staatliche Universität St. Petersburg



998 Kooperationen zwischen deutschen und russischen Hochschulen zählte die deutsche Hochschulrektorenkonferenz (HRK) Ende Juli 2020. Das ist nur eine von vielen Zahlen, die die intensive Verflechtung des deutsch-russischen Wissenschaftsaustauschs verdeutlichen. All diese Kooperationen haben ihren besonderen Wert – und zugleich gibt es Leuchtturmprojekte, die außergewöhnliche Strahlkraft entwickeln. So ist in den vergangenen Jahren zum Beispiel in Moskau das bilaterale Fachzentrum Germanistik entstanden, beginnend 2005 mit der Gründung des Thomas Mann-Lehrstuhls für deutsche Philologie an der Russischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität (RGGU) bis hin zur Einrichtung eines von der DFG geförderten Internationalen Graduiertenkollegs, dem ersten in den Geisteswissenschaften mit Russland.

In Kasan befindet sich das 2014 eröffnete German-Russian Institute of Advanced Technologies (GRIAT): Das größte Bildungsprojekt im Bereich Master- und Promotionsstudium zwischen Deutschland und Russland ist darauf ausgerichtet, hochqualifizierte Ingenieurinnen und Ingenieure auszubilden. Während am GRIAT die Technische Universität Ilmenau als Konsortialführer agiert, ist die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg deutscher Partner der RGGU beim Fachzentrum Germanistik. Die Freie Universität (FU) Berlin unterhält derweil eine Partnerschaft mit historischen Wurzeln.



Anfangszeit im Kalten Krieg

Im Jahr 1968 startete die Zusammenarbeit der FU Berlin mit der Staatlichen Universität St. Petersburg (SPbU), der damaligen Schdanow-Universität Leningrad. Eckart Rühl, Professor für Physikalische Chemie an der FU, blickt heute noch fasziniert auf diese Anfangszeit: „Dass damals beide Universitäten zusammenarbeiten wollten, vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und des Prager Frühlings, war außergewöhnlich.“ Rühls wissenschaftliche Beziehung zu Russland begann fast dreißig Jahre später. 1997 reiste er als junger Professor zu einer internationalen Konferenz nach St. Petersburg und lernte dort russische Kollegen kennen. „Das waren exzellente Fachleute, und mir wurde dadurch bewusst, dass es sehr gute Gründe gibt, warum deutsche und russische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schon seit Jahrhunderten kooperieren.“

Wenige Jahre nach seiner Reise nach St. Petersburg wurde Rühl selbst zu einem prägenden Akteur der deutsch-russischen Wissenschaftszusammenarbeit: Seit 2008 koordiniert er auf deutscher Seite das Russisch-Deutsche Labor am Berliner Speicherring für Synchrotronstrahlung (Bessy II), das im Jahr 2001 eröffnet wurde. Mithilfe von Elektronen werden dort sichtbares Licht, infrarotes Licht und Röntgenstrahlung erzeugt und technisch anspruchsvolle Experimente ermöglicht. Die Erfahrungen, die er im Russisch-Deutschen Labor sammelte, nutzten Rühl bei der Übernahme einer weiteren wichtigen Aufgabe: als deutscher Koordinator des German-Russian Interdisciplinary Science Center (G-RISC), eines virtuellen Exzellenzzentrums, das die FU Berlin und die Staatliche Universität St. Petersburg im Jahr 2009 gründeten.



Konferenz als Schlüsselerlebnis

Auch für die Chemieprofessorin Alina Manshina, G-RISC-Koordinatorin auf der russischen Seite, wurde eine Konferenz zum prägenden Erlebnis. Sie nahm 2002 als junge Wissenschaftlerin erstmals an einer internationalen Tagung teil, am German-Russian Laser Symposium (GRLS 2002) im Schloss Weißenstein in der Nähe von Bamberg. Die Konferenz blieb dem Gast aus Russland eindrücklich in Erinnerung. „Wirklich alle Teilnehmer haben sich an den Diskussionen beteiligt, vom Lehrstuhlinhaber bis runter zum Doktoranden“, erinnert sie sich. Sie sei damals überrascht gewesen, dass sich ältere Wissenschaftler für die Meinungen der jüngeren interessiert hätten. Positiv sei auch gewesen, dass die Wissenschaft eindeutig im Vordergrund stand, klar vor politischen und verwaltungstechnischen Fragen. „Dieses Symposium in Deutschland wurde quasi zu meinem Goldstandard, wie Wissenschaft funktionieren sollte“, sagt sie.

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Gemeinsam zum Erfolg (Credit: G-RISC)

Wer ausgewählt wird, kann für sein Projekt für einen Monat in das jeweils andere Land reisen. „Ich weiß, ein Monat ist in der Wissenschaft quasi nichts und normalerweise viel zu kurz, um zu guten Ergebnissen zu kommen“, sagt Alina Manshina, die 2002 auf dem Gebiet der Laserphysik promovierte und 2007 ihre erste Professorenstelle antrat. Mit G-RISC gelinge es aber, die Studierenden voranzubringen, wie die heutige Wissenschaftliche Vize-Direktorin des Instituts für Chemie an der SPBU betont: „Sie müssen eine konkrete Idee, einen detaillierten Forschungsplan sowie eine genaue Übersicht vorlegen, wie viele Messreihen oder Probennahmen sie durchführen wollen.“ Dies sei sehr herausfordernd und stressig, zumal die Studierenden in einer für sie unbekannten Arbeitsgruppe in einem für sie oft neuen Land arbeiteten. „Die Folgen dieser konkreten Planung und des schmalen Zeitfensters sind aber, dass die Studierenden sich fokussieren und in der Regel sehr gute Erfolge aufweisen können.“ Die dazu passenden Zahlen hat Eckart Rühl parat: Mehr als 440 Forschungsgruppen wurden mittlerweile gefördert; 130 Institutionen nahmen am G-RISC teil. Aus den mehr als 700 geförderten Projekten sind rund 200 begutachtete Publikationen entstanden. Für Rühl sind die gemeinsamen Publikationen nicht nur Nachweis guter Forschung, sondern auch Beleg dafür, dass die ausgewählten Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler in den verschiedenen Teams exzellent zusammenarbeiten.



Mit Erfahrung zum Erfolg

Rund 30 deutsch-russische Konferenzen haben Rühl und Manshina bereits zusammen organisiert. „Diese Konferenzen sind wichtig, weil sie ein wesentlicher Baustein für eine langfristige Zusammenarbeit zwischen deutschen und russischen Forschungseinrichtungen sind“, sagt Rühl. Klar ist aber auch, dass selbst eine etablierte internationale Kooperation wie G-RISC Unwägbarkeiten überwinden muss. Bis beispielsweise Verträge, die von beiden Seiten unterzeichnet werden müssen, rechtssicher sind, dauert es oft mehrere Monate. Auch der Austausch der Forschenden bot manchmal Überraschungen: Mal konnte ein Wissenschaftler kaum Englisch und musste nach Hause geschickt werden, weil die Kommunikation nicht klappte; mal stand der ausländische Gast vor verschlossenen Türen seines Gastgebers; ein anderer Geförderter hatte den Forschungsaufenthalt mit einer Urlaubsreise verwechselt. Eckart Rühl kann heute darüber schmunzeln, denn letztlich führten solche Erfahrungen dazu, dass die Rahmenbedingungen für die Förderung sowohl für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als auch für die aufnehmende Arbeitsgruppe noch deutlicher kommuniziert und kontrolliert wurden. Dem Erfolg des Programms hat das nicht geschadet. „Jetzt wissen alle genau, worauf sie sich bei dieser Kooperation einlassen und es gibt keine Missverständnisse.“



Persönliche Prägung durch akademischen Austausch

Für Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler bedeutet die Förderung aber nicht nur die Gelegenheit, erste internationale Forschungserfahrungen zu sammeln. Oft bauen sie auch ihre Vorurteile ab. „So mancher deutsche Wissenschaftler fuhr mit zahlreichen Klischees nach Russland und kam voller Respekt und guter Erfahrungen zurück“, erzählt Eckart Rühl. Eine Wissenschaftlerin sei beispielsweise eher widerwillig als Nachrückerin nach Russland gereist und habe dann so großen Gefallen an dem Land gefunden, dass sie anschließend noch mehrere Male als G-RISC-Geförderte zu den russischen Kollegen gefahren sei. Auch Alina Manshina weiß Geschichten von Rückkehrenden zu erzählen, die dank G-RISC Karriere machten: „Eine meiner früheren Studentinnen war mehrere Male als Stipendiatin in Deutschland, wo sie auch anschließend länger forschte. Heute ist sie in leitender Position im Research Park der Staatlichen Universität St. Petersburg tätig.“ Manshina ist vor allem die charakterliche Entwicklung wichtig, die junge Forschende mit einem Aufenthalt in einem anderen Land durchlaufen: „Solche Aufenthalte prägen die Persönlichkeit.“

Nach der eindrücklichen Tagung im Schloss Weißenstein wurde Deutschland für Alina Manshina zum wichtigsten Partnerland. So kooperiert sie etwa heute auch mit der Universität Erlangen-Nürnberg und dem Max-Planck-Institut für die Physik des Lichts. „Die Prinzipien der Wissenschaft sind weltweit identisch, aber in der Umsetzung gibt es schon Unterschiede“, sagt sie. „In Deutschland ist Forschung oft sehr reguliert, die wissenschaftlichen Teams haben eine stark ausgeprägte Ordnung. In Russland lösen wir vieles eher spontaner, mit mehr Flexibilität.“ Für Studierende sei es besonders wichtig, verschiedene Herangehensweisen auszuprobieren und das Beste zu kombinieren.



Konstanter Austausch trotz Corona

Alina Manshina reiste bisher regelmäßig nach Deutschland, bis zu sechs Mal im Jahr. Auf rund 50 Konferenzen und Veranstaltungen war Eckart Rühl in seiner Laufbahn bislang in Russland zu Gast. Nun, zu Zeiten der Corona-Pandemie, sind die Reisen fürs Erste vorbei. Im Juli sahen sich die beiden Koordinatoren zuletzt auf einer Videokonferenz, bei der über Förderungen und auch darüber diskutiert wurde, wie das Exzellenzprogramm künftig fortgesetzt wird, etwa mit einer Ausweitung auf die Umwelt- und Lebenswissenschaften. Von den derzeit widrigen Rahmenbedingungen lassen sich die beiden nicht entmutigen. Eckart Rühl betont vielmehr, wie robust die deutsch-russische Zusammenarbeit ist: „Das ist gerade das Spannende am G-RISC: Es ist jedes Mal anders; es wird nie langweilig.“

Benjamin Haerdle

„„Eine großartige Gelegenheit“: Dr. Anna Makarowa über den Wert des G-RISC-Programms

„Ich habe während meines Studiums an der Staatlichen Universität St. Petersburg am G-RISC-Programm teilgenommen. Im Jahr 2010 hatte ich das Glück, zu der ersten Studierendengruppe zu gehören, deren Projekte ausgewählt und finanziert wurden. Dank des G-RISC habe ich schon sehr früh in meiner Karriere internationale Forschungserfahrung sammeln können. Das war für mich eine großartige Gelegenheit, von der modernen Forschungsinfrastruktur führender deut-scher Universitäten und Institute zu profitieren.

Im Rahmen des G-RISC forschte ich in einem Projekt der Staatlichen Universität St. Petersburg und der Technischen Universität Dresden auf dem Gebiet der Materialwissenschaften. Bei den Experimenten ging es darum, die Eigenschaften neuer Hybridmaterialien mit Hilfe der Photo-elektronen- und Röntgenabsorptionsspektroskopie sowie der Rasterkraftmikroskopie zu charak-terisieren.

Ich wurde mehrmals über das G-RISC gefördert und war deshalb des Öfteren für Forschungsauf-enthalte an der TU Dresden. Meine Kommunikationsfähigkeit, Englischkenntnisse und Persön-lichkeitsentwicklung haben sich dadurch erweitert. Mit Wissenschaftlern zusammenzuarbeiten, die einen anderen kulturellen Hintergrund haben und andere Arbeitsmethoden anwenden, empfand ich als sehr bereichernd. Dass man im G-RISC-Programm verschiedene Stile des wis-senschaftlichen Arbeitens lernt, ist eine der wertvollsten Erfahrungen, die man als Nachwuchs-forscher machen kann. Wenn sie weit weg von ihrem Institut und ihrer Forschungsgruppe sind, können junge Wissenschaftler selbstbewusster und unabhängiger werden. Dies ist die größte Herausforderung und zugleich die wesentlichste Erfahrung.“

Dr. Anna Makarowa nahm mehrere Male am G-RISC-Programm teil und forscht derzeit am Insti-tut für Chemie und Biochemie der Freien Universität Berlin.

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Faszinierende Forschung: Anna Makarowa bei der Arbeit © Anna Makarowa.