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Auf dem Weg zur emissionsfreien Stadt

Was Dresden und St. Petersburg verbindet: Artem Korzhenevych und Olga Iakimenko suchen nach Lösungen für den Stadtverkehr der Zukunft.

Artem Korzhenevych
Prof. Dr. Artem Korzhenevych, Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) in Dresden
Olga Iakimenko
Olga Iakimenko, Projektleiterin am ICSER Leontief Centre in St. Petersburg



Artem Korzhenevych besitzt einen Blick für den „Stadtraum“, wie er ihn nennt: Wie viel Fläche beanspruchen Fahrradfahrer, Fußgänger und Autofahrer für sich? Für welche Transportmittel sind die Verkehrsflüsse vor allem ausgelegt? Der VWL-Professor leitet den Forschungsbereich „Wirtschaftliche Aspekte der ökologischen Raumentwicklung“ am Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) in Dresden.

Hier beschäftigt er sich unter anderem mit einer zentralen Zukunftsfrage für größere Städte: Wie lassen sich in Zeiten des Klimawandels und wachsender Metropolen die Umwelt- und Gesundheitsprobleme durch den Verkehr verringern? Dieser Frage widmet er sich auch länderübergreifend, so wie im Projekt „Transformation zu einem emissionsfreien Stadtverkehr in Dresden und St. Petersburg“. Dabei geht es darum, eine Vision und Transformationsszenarien zu einem zukunftsfähigen Stadtverkehr zu erarbeiten. Das IÖR ist Forschungspartner der Stadt Dresden, die das Projekt leitet. Im IÖR übernimmt ein Team unter Leitung von Artem Korzhenevych die Forschungstätigkeiten auf deutscher Seite.

Städtepartnerschaft zwischen Dresden und St. Petersburg

Dresden und St. Petersburg – Partnerstädte seit 1961 – stehen vor der gleichen Herausforderung: Beide Metropolen wachsen. „Und da immer mehr Menschen in die Städte ziehen, gibt es auch einen zunehmenden Wettbewerb um den Stadtraum zwischen den unterschiedlichen Verkehrsträgern“, sagt Korzhenevych. In Dresden ist beispielsweise zwischen 2010 und 2018 die Zahl der gemeldeten Kraftfahrzeuge um mehr als elf Prozent gestiegen. Auch in Russland steigt die Anzahl der Fahrzeuge, berichtet Olga Iakimenko. Sie ist Projektleiterin am ICSER Leontief Centre in St. Petersburg und dort unter anderem für die Green Mobility Initiative verantwortlich, die am deutsch-russischen Projekt mitwirkt.

Die Folgen des Verkehrswachstums: mehr Staus, mehr Emissionen, mehr Unfälle. „In vielen russischen Städten entscheiden sich die Menschen möglicherweise manchmal nicht für öffentliche Verkehrsmittel, weil sie unzuverlässig sind, zu selten fahren, wenig durchdachte Routen haben oder schlicht nicht vorhanden sind“, so Iakimenko. In St. Petersburg nutzen rund drei Viertel der Bürger ein Auto, lediglich vier Prozent ein Fahrrad. In Dresden haben rund zwei Drittel der Bürger ein Auto und rund ein Fünftel ist laut einer Umfrage täglich mit dem Rad unterwegs.

Elektrobusse und Wasserstoff-Trams

Teil der Kooperation zwischen Dresden und St. Petersburg sind eine Reihe gegenseitiger Arbeitsbesuche und Workshops. Unter anderem hat 2019 in Dresden eine Veranstaltung mit Fokus auf Elektromobilität und wasserstoffbetriebene Fahrzeuge stattgefunden. Die russischen Kollegen berichteten dabei unter anderem, welche Erfahrungen sie mit der Einführung von Elektrobussen für den öffentlichen Nahverkehr gemacht haben. Bei einem späteren Treffen lernten die Dresdener in St. Petersburg den Prototypen für die erste wasserstoffbetriebene Tram Russlands kennen. Auch über Möglichkeiten für eine intelligente Verkehrssteuerung, also wie man beispielweise mit Ampelschaltungen für einen gut fließenden Verkehr sorgen kann, tauschte man sich aus.

Vision für einen zukunftsfähigen Stadtverkehr

Ein zentrales Thema des Projekts ist das Transformationsmanagement: ein wissenschaftlicher Ansatz, um Entwicklungspfade langfristig zu planen. „Wir verwenden diesen Ansatz, um eine Vision für einen zukunftsfähigen Stadtverkehr in Dresden zu entwickeln“, berichtet Korzhenevych. Die Dresdener nutzen dabei beispielsweise sogenannte Transformationsarenen: Hierbei kommen Vertreter aus Zivilgesellschaft, Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft zusammen. In Workshops arbeiten sie an einer Vision für ein zukunftsfähiges Verkehrssystem für die Stadt Dresden im Jahr 2050 – und an Szenarien, wie man dorthin gelangen könnte. Wie werden die Lebensstile der Bürger in Zukunft aussehen und welche Technologien werden vermutlich vorhanden sein? Wie funktioniert die Verwaltung und wie sieht die Infrastruktur aus? „Das hängt alles miteinander zusammen“, so Korzhenevych. „Und deshalb ist es wichtig, die unterschiedlichen Bereiche zu berücksichtigen.“

Übergang zu einem nachhaltigen Mobilitätssystem

Für die Kolleginnen und Kollegen aus St. Petersburg ist das Thema Transformationsmanagement „sehr interessant“, so Olga Iakimenko. Viele Anregungen zum Transformationsmanagement hätten die russischen Partner bei einer Konferenz mit Vertretern der Verkehrsbetriebe und Wissenschaftlern aus Dresden und St. Petersburg aufgenommen. „Im Hinblick auf die zukünftige Verkehrsstrategie von St. Petersburg hoffen wir, einen Übergang zu einem nachhaltigen Mobilitätssystem zu schaffen und dabei die Erfahrungen von Dresden zu nutzen“, sagt Iakimenko. „St. Petersburg würde definitiv von der Integration des Ansatzes des Transformationsmanagements und nachhaltigen Verkehrslösungen und -technologien profitieren.“ Wie man lokale Initiativen in Projekte besser einbezieht, sei eine der Stärken der Dresdener Partner. Die deutschen Kollegen hätten im Gegenzug das strategische Planungssystem in Russland und entsprechende Maßnahmen in St. Petersburg kennengelernt, berichtet Iakimenko. Dort beteiligen sich zum Beispiel viele Unternehmen am Aufbau eines Netzes von Ladestationen für Elektroautos.

Beim Umbau der Mobilitätsangebote wollen die Verantwortlichen in der Stadt an der Newa einen Spagat meistern, erzählt die Russin. „Die drängendste Herausforderung für St. Petersburg im Hinblick auf eine nachhaltige städtische Mobilität ist es, die Geschwindigkeit, Sicherheit und den Komfort der Fahrgäste zu erhöhen und gleichzeitig einen umweltfreundlichen Weg zu gehen.“ Hierzu will die Stadt unter anderem den Schienenverkehr ausbauen und ein Radwegenetz entwickeln.

Höchste Leistungs- und Nachhaltigkeitsstandards

Viel Potenzial, um vom Austausch mit Dresden zu profitieren, sieht Iakimenko beim Thema Straßenbahnen. Sowohl St. Petersburg als auch Dresden hätten ein ausgedehntes Straßenbahnnetz, das bereits lange bestehe. In Dresden sei es gelungen, das Straßenbahnsystem mit der Zeit so umzubauen, dass es den höchsten Leistungs- und Nachhaltigkeitsstandards entspricht, sagt sie. „Wir sind sehr daran interessiert, mehr über diesen Wandel zu erfahren.“ Und auch Artem Korzhenevych sieht die deutsch-russische Kooperation sehr positiv. Ziel sei es gar nicht unbedingt, konkrete Ergebnisse im Rahmen des Projektes hervorzubringen. „Es geht darum, einen Dialog zwischen beiden Seiten auf unterschiedlichen Ebenen anzustoßen.“ Und das sei bereits wunderbar gelungen. „Es zeigt sich, dass die Herausforderungen gleich sind und dass es sich lohnt, die Kräfte zu bündeln.“

Internationale Biografie, vielfältige Wissenschaft

So international wie die Kooperation ist auch Korzhenevychs persönlicher Hintergrund. Der Forscher kommt aus der Ukraine, wo er Betriebswirtschaftslehre und Volkswirtschaftslehre studiert hat. Zur Promotion kam er an die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, weil bereits frühere Studierende seiner ukrainischen Universität dort gute Erfahrungen gemacht hatten. Dort arbeitete er nach seiner Promotion auch für ein paar Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter; seit 2014 ist er in Dresden tätig. Bei seiner Arbeit beschäftigt er sich damit, wirtschaftliche Effekte von Politikmaßnahmen zu modellieren. Er berechnet beispielsweise, wie sich Handels- und Verkehrsströme durch Handelsabkommen zwischen zwei Ländern verändern könnten.

Gestaltung des öffentlichen Raums

Olga Iakimenko kam 2001 direkt nach ihrem Studium zum Leontief Centre. Hier arbeitet sie unter anderem an unterschiedlichen Projekten zu nachhaltigem Verkehr mit. Dazu zählt beispielsweise das Green Mobility Handbook: Es liefert Tipps dazu, wie sich Mobilität und der öffentliche Raum nachhaltiger gestalten lassen. Sie ist auch Teil des Teams, das die Green Mobility Awards vergibt. Der Preis wird an Städte vergeben, die vorbildliche Projekte und Entwicklungsstrategien für nachhaltigen Verkehr umsetzen. Im vergangenen Jahr ging der Preis für die beste nachhaltige Stadtentwicklungsstrategie an den Oberbürgermeister von Dresden.

Zwischen St. Petersburg und Dresden soll es in Zukunft weitere gegenseitige Besuche geben – wobei das in Zeiten der Corona-Krise nur schwer zu planen ist. Derweil ist für einen Dresdener Stadtteil schon ein konkretes Projekt für dieses Jahr geplant, das für Aufsehen sorgen dürfte: eine autofreie Woche zur Emissionsreduzierung.


Hendrik Bensch